Keltisches Waldheiligtum

Die Quellen betonen, dass die christliche Besiedlung des Disibodenbergs kein historischer Neubeginn war, sondern sich nahtlos in eine jahrtausendealte sakrale Nutzung dieses topographisch exponierten Raumes einreiht. Aufgrund der physischen Erhabenheit des Bergplateaus wurde der Ort von aufeinanderfolgenden Kulturen als "inhärent numinos" – also als von Natur aus mit einer göttlichen Präsenz behaftet – wahrgenommen.

Die keltische Epoche und das Waldheiligtum Die erste nachweisbare religiöse Nutzung des Berges geht auf die Kelten zurück. Archäologische Funde belegen, dass das Plateau bereits in keltischer Zeit dicht besiedelt war. Da die Kelten offenbar erkannten, dass es sich um einen mystischen und topographisch geschützten Ort handelte, errichteten sie auf der sattelartigen Hochebene eine heilige Stätte. Dieses keltische Waldheiligtum diente den Menschen der Umgebung als regionales rituelles Zentrum.

Die römische Epoche und der Jupitertempel Im Zuge der römischen Expansion in das Nahegebiet wurde dieser ältere keltische Kultplatz nicht etwa aufgegeben, sondern im Sinne der sogenannten interpretatio Romana (der römischen Aneignung) übernommen und adaptiert. Die Römer errichteten exakt an der Stelle des keltischen Heiligtums einen Jupitertempel und bauten die Anlage nach und nach baulich aus. Dass diese kontinuierliche kultische Nutzung und frühe Besiedlung tatsächlich stattfand, wird durch zahlreiche archäologische Funde aus der Römerzeit bezeugt, die heute im Museum der Stiftung ausgestellt sind.

Das Prinzip der sakralen Kontinuität Aus dieser Abfolge leiten die Quellen das religionssoziologische Phänomen der "sakralen Kontinuität" ab. Das spätere Christentum (beginnend mit der Ankunft des heiligen Disibod) knüpfte ganz bewusst an diese bereits etablierten vorchristlichen Kulttraditionen an. Die gezielte Übernahme dieses uralten Heiligtums half dabei, der lokalen Bevölkerung den Übergang zum neuen christlichen Glauben auf synkretistische Weise (also durch das Verschmelzen altbekannter und neuer religiöser Elemente) zu erleichtern.


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