Die Einsiedelei am Osthang ist in den Quellen nicht nur eine bloße geografische Ortsangabe, sondern der zentrale physische Ausdruck von Disibods radikaler asketischer Lebenspraxis. Seine Entscheidung, genau dort zu leben, verdeutlicht sein kompromissloses spirituelles Ideal.
Räumliche Trennung vom klösterlichen Komfort Nachdem Disibod den Berg erreicht hatte, ließ er sich in einer kleinen, isolierten Klause am steilen Osthang nieder. Obwohl sich schnell eine wachsende Gemeinschaft von über 50 Mönchen um ihn bildete, weigerte er sich zeitlebens, an deren Alltag teilzunehmen: Er ließ für seine Anhänger zwar einfache Oratorien und Gemeinschaftsgebäude auf dem Hochplateau des Berges errichten, betrat diese komfortableren Gebäude jedoch selbst niemals.
Extreme Bußübungen in der Klause und die "Imitatio Christi" In der Abgeschiedenheit seiner kleinen Einsiedelei unterwarf sich Disibod bis ins hohe Alter extremen körperlichen Entbehrungen. Sein Leben am Osthang bestand aus rigorosem Fasten, Nachtwachen und unaufhörlichem Gebet. Hildegard von Bingen, die seine Vita verfasste, beschreibt dieses Eremitendasein als die absolute Wurzel und den absoluten Höhepunkt klösterlicher Disziplin, bei der man sich vollständig von der Welt zurückzieht.
Trotz der enormen körperlichen Härte und der Entbehrungen empfand Disibod in seiner Einsiedelei keine geistige Unruhe. Im Gegenteil: Die Quellen berichten von einer tiefen inneren Freude und einem Glück des Herzens, da er sein physisches Leiden fernab des klösterlichen Komforts als vollkommene Nachahmung des Leidens Christi (Imitatio Christi) verstand.
**Führung aus der Isolation (\doctrina et exemplo\)** Im größeren Kontext seiner asketischen Lebenspraxis ist besonders bemerkenswert, wie er die wachsende Klostergemeinschaft von seiner Einsiedelei aus führte. Er lenkte sie nicht durch alltägliche administrative Präsenz auf dem Gipfel, sondern ausschließlich aus der Ferne durch seine spirituelle Lehre und sein persönliches Vorbild (doctrina et exemplo).
Disibod wusste, dass seine extreme Lebensweise für die meisten Menschen körperlich und geistig nicht zu ertragen wäre. Deshalb zwang er seinen Schülern diese Härte nicht auf, sondern gestattete ihnen eine deutlich mildere Form des religiösen Lebens, die sich an der Benediktsregel orientierte. Um seine Brüder durch seine extrem rigorosen Praktiken nicht zu entmutigen oder von ihrer Andacht abzulenken, trug er in seiner Klause bewusst nicht einmal das gleiche klösterliche Gewand wie der Rest der Gemeinschaft und zelebrierte die Messe lediglich nach dem Brauch armer Priester.
Das Grab am Osthang als letztes asketisches Statement Disibods Askese und seine tiefe Verbundenheit mit der Einsiedelei prägten ihn bis in den Tod. Als er das Ende seines Lebens nahen spürte, ordnete er an, dass er nach seinem Tod nicht im Hauptkloster auf dem Berggipfel beigesetzt werden sollte. Stattdessen verlangte er, im bescheidenen Schatten seiner kleinen Klause am Osthang begraben zu werden – genau an jenem Ort, an dem er Gott so lange als bescheidener Einsiedler gedient hatte. Von diesem Grab am Osthang aus entwickelte sich der Disibodenberg kurz darauf zu einem stark frequentierten regionalen Wallfahrtsort.