Die Ansiedlung der Augustiner-Chorherren um das Jahr 1000 (einige Quellen nennen das Jahr 975) markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der mittelalterlichen Entwicklung des Disibodenbergs. Sie beendete eine Epoche des physischen und institutionellen Verfalls und legte das fundamentale Fundament für die spätere Blütezeit des Klosters.
Restauration nach dem frühmittelalterlichen Verfall Im 9. und 10. Jahrhundert war die auf den heiligen Disibod zurückgehende frühe Klosteranlage nach Überfällen durch Normannen (882) und Ungarn geplündert, zerstört und schließlich unter dem Mainzer Erzbischof Hatto II. (968–970) vollständig aufgelöst worden. Die Wende brachte Erzbischof Willigis von Mainz, der Erbauer des Mainzer Doms. Er besuchte den verödeten Berg persönlich, ließ eine neue Kirche errichten und gründete ein Kollegiatstift, das er mit zwölf Stiftsherren (Kanonikern bzw. Augustiner-Chorherren) besetzte. Um die spirituelle Tradition des Ortes wiederzubeleben, wurden die Gebeine des heiligen Disibod feierlich in diesen Kirchenneubau überführt.
Kirchenpolitische Macht und seelsorgerische Pflicht Im größeren regionalgeschichtlichen Kontext war diese Gründung durch Willigis kein rein spiritueller Akt, sondern eine weitreichende strategische Maßnahme. Die Ansiedlung der Chorherren diente der kirchenpolitischen Konsolidierung der Mainzer Macht im bedeutsamen Mündungsdreieck von Nahe und Glan.
Erzbischof Willigis stattete das Stift äußerst reichlich mit Gütern, Ländereien, Weinbergen und dem Recht auf den Zehnten aus. Im Gegenzug wurde den zwölf Kanonikern im Zuge einer tatkräftigen Neustrukturierung der Pfarrorganisation die konkrete seelsorgerische Betreuung der in der umliegenden Region lebenden Menschen übertragen.
Wegbereiter für die Benediktiner und Hildegard von Bingen Die Ära der Augustiner-Chorherren währte rund ein Jahrhundert und diente als notwendige Brücke zur hochmittelalterlichen Glanzzeit des Disibodenbergs:
- Ablösung durch die Benediktiner: Erfasst von der gregorianischen Reformbewegung beschloss Erzbischof Ruthard von Mainz im Jahr 1096, das Stift der Augustiner-Chorherren in ein strenger reguliertes Benediktinerkloster umzuwandeln. Die Benediktinermönche aus Mainz bezogen den Berg ab 1107 dauerhaft, lösten die Kanoniker ab und legten ab 1108 den Grundstein für die monumentale romanische Pfeilerbasilika. - Die alte Stiftskirche als erste Frauenklause: Die baugeschichtliche Hinterlassenschaft der Augustiner-Chorherren spielte zudem eine zentrale Rolle für Hildegard von Bingen. Als sie im Jahr 1112 zusammen mit Jutta von Sponheim auf dem Berg aufgenommen wurde, handelte es sich bei ihrer engen Frauenklause sehr wahrscheinlich um einen seitlichen Anbau an genau jener alten Stiftskirche, die Erzbischof Willigis um das Jahr 1000 für die Augustiner-Chorherren hatte errichten lassen. Durch ein Fenster in diesem Anbau konnten die eingeschlossenen Frauen akustisch und visuell am Gottesdienst teilnehmen.