Abteikirche St. Nikolaus

Die Abteikirche St. Nikolaus bildet das unangefochtene architektonische Zentrum in der Entwicklungsgeschichte des Klosters Disibodenberg. Im größeren Kontext der architektonischen Merkmale der gesamten Anlage veranschaulicht dieser Monumentalbau eindrucksvoll den Wandel von der wuchtigen romanischen Baukunst der Benediktiner hin zur feinen, dekorativen Gotik der Zisterzienser.

Die romanische Monumentalität der Benediktiner (ab 1108) Mit der Übernahme des Berges durch die Benediktinermönche begann ein völlig neues bauliches Zeitalter. Im Jahr 1108 legte der erste benediktinische Abt Burchard den Grundstein für die neue Klosterkirche, die den wesentlich kleineren Vorgängerbau der Augustiner-Chorherren ablösen sollte. Die architektonischen Hauptmerkmale dieses ehrgeizigen Neubaus waren stark von der Romanik geprägt:

- Bauform: Es handelte sich um eine gewaltige dreischiffige Pfeilerbasilika, die auf einem kreuzförmigen Grundriss entworfen wurde. - Der Vierungsturm: Ein besonders markantes architektonisches Element des Baus war der achteckige Vierungsturm, der sich genau über der Vierung (dem Schnittpunkt von Langhaus und Querhaus) in den Himmel erhob. - Gewaltige Ausmaße: Mit einer Länge von etwa 60 Metern und einer Breite von 34 Metern sprengte die Kirche alle bisherigen Dimensionen auf dem Bergplateau. Nach ihrer Fertigstellung zählte sie zu den größten und bedeutendsten Sakralbauten im gesamten Raum zwischen Mainz und Trier. - Spirituelles Zentrum: Die architektonische Mitte des Chorbereichs bildete das Grab des Klostergründers. Die Gebeine des heiligen Disibod wurden direkt hinter dem Hauptaltar der Kirche in einem Marmorsarkophag verehrt.

Der Bau dieses massiven Steingebäudes war ein immenses logistisches Unterfangen, das über drei Jahrzehnte andauerte. Erst im Jahr 1143 konnte die Pfeilerbasilika St. Nikolaus unter Abt Kuno feierlich geweiht werden.

Der gotische Ausbau durch die Zisterzienser (ab 1259) Als die Zisterzienser die inzwischen verarmte Abtei im Jahr 1259 übernahmen, sanierten sie das Kloster durch systematische Agrarwirtschaft und veränderten in der Folge auch die architektonischen Merkmale der Abteikirche fundamental. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts begannen sie, die wuchtige romanische Basilika im Stil der Gotik umzubauen und stark zu verfeinern.

Wie aufwendig diese architektonische Umgestaltung war, belegen archäologische Funde: Im heutigen Museum der Anlage sind hochfeine, filigrane gotische Steinmetzarbeiten ausgestellt, die einst die Abteikirche zierten. Diese erhaltenen Architekturfragmente verdeutlichen eindrucksvoll, dass die Zisterzienser die Kirche äußerst prächtig, bildreich und feindekoriert ausstatteten und den gewaltigen Reichtum ihres Ordens in der meisterhaften Bearbeitung des Sandsteins verewigten.

Vom Monumentalbau zum Steinbruch Im größeren architektonischen Kontext der Anlage teilte die Abteikirche nach der Schließung des Klosters (1559) das Schicksal der übrigen Gebäude. Die einst prächtige Kirche verfiel und wurde ab dem 18. Jahrhundert von den Bewohnern der umliegenden Dörfer systematisch als Steinbruch missbraucht. Die wertvollen, fein bearbeiteten Sandsteinquader der Basilika wurden abgetragen, um damit private Wohnhäuser in Odernheim und Staudernheim zu errichten oder sogar die Pfeiler der Staudernheimer Brücke zu erneuern.

Heute sind von der Basilika St. Nikolaus nur noch die freigelegten Grundmauern erhalten, die im 19. Jahrhundert kunstvoll in einen englischen Landschaftspark integriert wurden. Ein besonderes, natürliches Merkmal der heutigen Ruinenarchitektur ist die sogenannte Dreifaltigkeitseiche: Inmitten der Überreste der Abteikirche wächst heute ein markanter, dreistämmiger Baum, der von modernen Besuchern als Symbol für die göttliche Trinität interpretiert wird.


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