Das sogenannte Niedrigwasser-Limit am Mittelrhein stellt heute die weitreichendste logistische und wirtschaftliche Herausforderung für die europäische Binnenschifffahrt dar.
Der fehlende Tiefgang als kontinentaler Flaschenhals Auf dem 49 Kilometer langen Abschnitt zwischen Budenheim (bei Mainz) und St. Goar – zu dem auch das historische Binger Loch gehört – beträgt die offiziell garantierte Fahrrinnentiefe aktuell lediglich 1,90 Meter unter dem Gleichwertigen Wasserstand (GlW), einem speziellen Niedrigwasser-Bezugswert. Damit ist die Fahrrinne in diesem Bereich exakt 20 Zentimeter flacher als in den angrenzenden Rheinabschnitten ober- und unterhalb, welche eine durchgehende Tiefe von 2,10 Metern aufweisen.
Auswirkungen auf die Beladung (Abladetiefe) Für die Schifffahrt hat dieser geringe Tiefenunterschied gravierende Folgen: Da der Rhein die wichtigste Wasserstraße für den Güterverkehr von den westlichen Nordseehäfen wie Rotterdam oder Antwerpen in das europäische Hinterland ist, müssen alle Frachtschiffe ihre maximale Beladung (die sogenannte „Abladetiefe“) für ihre gesamte Reiseroute an genau diesem einen Engpass am Mittelrhein ausrichten. Bei niedrigen und mittleren Wasserständen zwingt dieses Limit die Schiffsführer dazu, ihre Ladung signifikant zu reduzieren, da ansonsten eine gefährliche Grundberührung auf der felsigen Sohle droht. An vielen Tagen im Jahr wird dadurch die Transportkapazität der passierenden Schiffe enorm eingeschränkt.
Historische und moderne volkswirtschaftliche Schäden Die Problematik von Niedrigwasser-Limits ist nicht neu: Bereits in den 1960er Jahren, als viele Rheinschiffe auf eine Tauchtiefe von 2,5 Metern ausgelegt waren, führte die damalige Fahrrinnentiefe von 1,70 Metern im Binger Loch dazu, dass an durchschnittlich 187 Tagen im Jahr nicht voll beladen werden konnte.
Wie verheerend sich dieser Engpass in der heutigen stark getakteten Logistik der Industrie (etwa Stahl-, Chemie- oder Mineralölsektor) auswirkt, zeigte eindrücklich die massive Niedrigwasserperiode im Jahr 2018. Die Transportbeschränkungen durch das Niedrigwasser-Limit verursachten in diesem Jahr allein in Deutschland einen gigantischen volkswirtschaftlichen Schaden von rund 2,4 Milliarden Euro.
Der Kampf gegen das Limit Um die Wirtschaftlichkeit und Zuverlässigkeit der Binnenschifffahrt dauerhaft zu sichern, genießt das Projekt „Abladeoptimierung der Fahrrinnen am Mittelrhein“ höchste Priorität. Das zentrale Ziel dieses Großprojekts ist es, das Niedrigwasser-Limit von 1,90 Metern zu beseitigen und stattdessen eine durchgehende Fahrrinnentiefe von 2,10 Metern bei Niedrigwasser (GlW 20) über die volle Breite von 120 Metern herzustellen. Damit sollen die Schifffahrtsverhältnisse bei sinkenden Abflüssen an die bereits ausgebauten, angrenzenden Streckenabschnitte angepasst werden.