Historisches Treideln

Das historische Treideln war die einzige Möglichkeit, bevor sich im 19. Jahrhundert die Dampfmaschine durchsetzte, schwer beladene Schiffe gegen die gewaltige Strömung des Rheins flussaufwärts zu bewegen. Der Begriff leitet sich vom römischen Wort „tragulare“ (schleppen) ab, da diese Technik bereits in der Antike genutzt wurde.

Im Kontext der extremen geografischen Herausforderungen am Mittelrhein war das Treideln ein hochkomplexes und lebensgefährliches Unterfangen:

Ausgefeilte Seiltechnik und Begleitboote Die Schiffe wurden von Zugtieren oder Menschen über sogenannte Leinpfade oder Treidelwege am Ufer entlanggezogen. Um zu verhindern, dass das extrem lange und schwere Zugseil ins Wasser hing oder sich im Ufergebüsch verfing, wurde es weit oben am Schiffsmast über eine spezielle Blockrolle, den sogenannten „Hundskopf“, geführt. Ein zweites, kürzeres Seil verlief zum Schiffsbug, um das Boot parallel zum Ufer auszurichten, da der Steuermann permanent gegen den schrägen Zugwinkel der Pferde ansteuern musste.

Besonders bei großen, tiefliegenden Schiffen, die weiter in der Strommitte fahren mussten, reichte dies allein nicht aus. Hier wurde ein kleiner Hilfskahn – der sogenannte „Buchtnachen“ oder „Bornachen“ – zwischen Ufer und Schiff mitgezogen. Von dort aus hielten zwei Schiffsknechte (die „Leinenschnäpper“) das Schlepptau über dem Wasser, hoben es über Felsklippen hinweg oder nutzten den Nachen als Fähre, um die Zugpferde ans andere Ufer zu bringen, wenn der Leinpfad die Seite wechselte.

Enormer Kraftaufwand durch Pferde und Menschen Je nach Wasserstand und Schiffsgewicht waren riesige Gespanne nötig. Für ein normales Frachtschiff mit etwa 100 Tonnen Ladung brauchte man bei mittlerem Wasserstand rund 10 Pferde, bei Niedrigwasser bis zu 16 Tiere. An den extremsten Strömungsengpässen wie dem Binger Loch, wo das Wasser in Stromschnellen talwärts stürzte, wurden teilweise bis zu 40 schwere Zugpferde vor ein einziges Schiff gespannt. In sehr unwegsamen Abschnitten (etwa zwischen Speyer und Straßburg), wo die Uferbeschaffenheit den Einsatz von Pferden unmöglich machte, mussten 60 bis 90 Menschen die kräftezehrende Arbeit der Tiere übernehmen. Das Treideln war entsprechend langsam: Für die Bergfahrt von Köln nach Mainz benötigte ein Schiff bei günstigem Wasserstand sechs bis sechseinhalb Tage, bei Niedrigwasser sogar acht bis neun Tage.

Lebensgefahr für die „Halfer“ Die Pferdeführer, in der Region „Halfer“ oder „Halfterer“ genannt, übten einen der gefährlichsten Berufe jener Zeit aus. Nach Hochwassern waren die Leinpfade oft extrem rutschig, sodass die schweren Pferde den Halt zu verlieren drohten. Die größte Gefahr bestand jedoch darin, dass ein Schiff von der Strömung erfasst wurde und unkontrolliert ausscherte („aus dem Ruder lief“). In einem solchen Fall reichte die Kraft der Pferde nicht aus, um das Schiff zu halten; sie drohten vielmehr rückwärts in die reißenden Fluten gerissen zu werden.

Aus diesem Grund ritten die Halfer immer im Damensitz auf den Zugpferden, also mit beiden Beinen zum Fluss hin ausgerichtet. So konnten sie bei Gefahr sofort abspringen. Sie führten stets scharfe Äxte oder Messer mit sich, um das unter extremer Spannung stehende Schlepptau augenblicklich kappen und das Leben der Pferde retten zu können.

Kuriose sprachliche Hinterlassenschaft: Die „Schäl Sick“ Aus der Zeit des historischen Treidelns stammt auch der heute noch im Rheinland bekannte Begriff für die andere Rheinseite, die „schäl Sick“ (blinde Seite). Die Zugpferde bekamen damals Scheuklappen angelegt, damit sie nicht vom starken Sonnenlicht, das sich auf der Wasseroberfläche spiegelte, geblendet wurden. Dadurch konnten die Tiere die dem Fluss gegenüberliegende Uferseite nicht sehen – sie war für sie die „blinde Seite“.

Das Aufkommen der leistungsstarken Dampfschlepper ab Mitte des 19. Jahrhunderts läutete das Ende dieser entbehrungsreichen Epoche ein. Eiserne Radschleppdampfer übernahmen die harte Arbeit und die Natur holte sich die alten Treidelpfade nach und nach zurück.


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