Das Binger Riff ist ein extrem hartes Gesteinsmassiv, das die Geografie, Hydrologie und Ökologie des gesamten Mittel- und Oberrheins über Jahrtausende hinweg maßgeblich bestimmt hat.
Geologische Beschaffenheit und Entstehung Beim Binger Riff handelt es sich um eine quer durch das Flussbett verlaufende Quarzitbank (Taunusquarzit) bei Rheinkilometer 530,7. Es ist Teil des Rheinischen Schiefergebirges, das als geologisch junges Faltengebirge durch gewaltige tektonische Verschiebungen aufgefaltet wurde, wobei ehemals waagerechte Gesteinsplatten senkrecht aufgerichtet wurden. Da dieser Quarzit enorm widerstandsfähig ist und kaum erodiert, blieb das Riff stehen, als der Rhein sich vor rund 15 Millionen Jahren in das Gebirge einfräste. Linksrheinisch setzt sich diese harte Gesteinsader nahtlos im Binger Wald fort.
Geografische Zäsur Das Riff markiert eine der dramatischsten landschaftlichen Grenzen entlang des Rheins. Genau an dieser Stelle verlässt der Fluss den sogenannten „Inselrhein“ des Rheingaus – eine seenartig breite, flache Landschaft mit extrem geringem Gefälle – und bricht abrupt in das enge, steile und tiefe Durchbruchstal des Rheinischen Schiefergebirges ein. Zudem mündet unmittelbar oberhalb des Riffs die Nahe in den Rhein, welche große Mengen an Geröll mit sich führt und dort eine fast bis zur Strommitte reichende Sand- und Kiesbank, den „Nahegrund“, aufschüttet.
Hydrologische Dynamik: Das Riff als Staudamm Unter natürlichen Bedingungen fungierte das Binger Riff wie ein riesiges, natürliches Stauwehr. Weil das Quarzitgestein so hart ist, verhinderte es die Ausbildung eines gleichmäßig abfallenden Flussbettes und staute die Wassermassen flussaufwärts mächtig auf. Dies führte direkt am Riff zu einem extremen Gefällesprung: Auf einer Strecke von nur 17 Metern stürzte der Fluss mit einem Gefälle von 8,3 Promille in die Tiefe. Die Folgen waren lebensgefährliche Stromschnellen, tiefe Auswaschungen (Kolke) und eine extrem hohe Fließgeschwindigkeit von bis zu 3 Metern pro Sekunde (etwa 14 km/h), was sich gegenüber dem davorliegenden Rheingau verdoppelte. Bei Niedrigwasser fielen die Felsrippen früher oft komplett trocken oder lagen dicht unter der Oberfläche.
Ökologische Folgen der Riff-Beseitigung Als der Mensch begann, das Riff mit Schießpulver und Dynamit zu durchbrechen, um eine Fahrrinne (das Binger Loch) zu schaffen, löste dies eine enorme ökologische Kettenreaktion aus. Durch das Durchbrechen dieser natürlichen Staumauer floss das Wasser plötzlich viel schneller ab, was den Wasserspiegel stromaufwärts massiv absinken ließ.
Dies veränderte die Naturlandschaft im angrenzenden Rheingau gravierend:
- Verlust der Rheininseln: Von den ehemals 32 ökologisch wertvollen Auen und Rheininseln verlandeten die meisten, fielen trocken und verwuchsen mit dem Festland, oder sie wurden von der veränderten Strömung weggespült. Heute existieren nur noch sechs dieser Inseln. - Sinken des Grundwassers: Die weitreichende Absenkung des Grundwasserspiegels reichte bis ins Mainzer Becken. Dies trocknete die Wassergräben von Burgen aus und führte dazu, dass die rund 20.000 Eichenpfähle, auf denen der Mainzer Dom stand, zu faulen begannen, weil sie plötzlich der Luft ausgesetzt waren.
Heute ist das Binger Riff durch die Fahrrinnen auf 120 Metern Breite abgetragen, aber die Natur zeigt noch immer Spuren der Vergangenheit: Bei starkem Niedrigwasser werden die querliegenden Quarzitriegel wieder sichtbar, und Relikte wie die sogenannten „Lochsteine“ ragen nach wie vor aus den Fluten.