Moralische Verantwortung für die Schöpfung

Die Verantwortung des Menschen für die Schöpfung gehört zu den grundlegenden Gedanken von Hildegards Anthropologie und Ethik. Menschliches Handeln betrifft nach ihrem Verständnis nicht nur den Einzelnen oder die menschliche Gemeinschaft, sondern steht im Zusammenhang mit der gesamten von Gott geschaffenen Ordnung. Deshalb sind Ethik, Kosmologie und Schöpfungstheologie in ihrem Werk eng miteinander verbunden.

Der Mensch innerhalb der Schöpfungsordnung

Hildegard beschreibt den Menschen als operarius Dei („Werkmann Gottes“), der mit Vernunft und freiem Willen (liberum arbitrium) ausgestattet ist. Diese besondere Stellung verleiht ihm Verantwortung, nicht unbegrenzte Herrschaft. Der Mensch lebt aus den Kräften der Schöpfung und bleibt auf sie angewiesen. Seine Aufgabe besteht darin, die ihm anvertraute Welt mit Weisheit, Maß (discretio) und Gerechtigkeit zu gestalten.

Menschliches Handeln und die Ordnung der Schöpfung

Nach Hildegards Verständnis wirken sich sittliche Entscheidungen auf die von Gott geschaffene Ordnung aus. Tugendhaftes Handeln fördert die Entfaltung der Viriditas, der göttlichen Lebenskraft, während Laster und Unrecht diese Ordnung beeinträchtigen. Die Bilder von Viriditas und Ariditas verdeutlichen, dass menschliches Handeln nach ihrer Auffassung nicht ohne Folgen für die Schöpfung bleibt.

Die Klage der Elemente

Besonders eindrucksvoll wird dieser Zusammenhang im Liber Vitae Meritorum dargestellt. Dort lässt Hildegard die Elemente der Natur über das sittliche Versagen der Menschen klagen. In ihrer bildhaften Sprache geraten Winde, Wasser und andere Kräfte der Schöpfung aus ihrer von Gott bestimmten Ordnung und beklagen die Folgen menschlicher Schuld. Diese Vision macht deutlich, dass die Schöpfung nach Hildegards Verständnis nicht losgelöst vom Menschen betrachtet werden kann.

Verantwortung und Umkehr

Die Antwort auf eine gestörte Ordnung liegt für Hildegard nicht allein in äußeren Maßnahmen, sondern vor allem in der Umkehr des Menschen. Tugenden, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und das rechte Maß tragen dazu bei, dass die göttliche Ordnung wieder sichtbar wird. Deshalb verbindet sie die Sorge um die Schöpfung stets mit der Erneuerung des eigenen Lebens.

Bedeutung innerhalb ihres Denkens

Die Verantwortung für die Schöpfung ist bei Hildegard Ausdruck ihres umfassenden Weltbildes. Mensch, Natur und Gott stehen in einer engen Beziehung zueinander. Wer verantwortlich handelt, dient nicht nur seinen Mitmenschen, sondern wirkt nach ihrem Verständnis zugleich an der Bewahrung der von Gott geschaffenen Ordnung mit.


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