Das medizinische Werk Causae et Curae („Ursachen und Heilungen“), auch unter dem Titel Liber compositae medicinae überliefert, bildet zusammen mit der naturkundlichen Physica den Kern von Hildegard von Bingens heilkundlichem Schaffen. Beide Schriften gehen vermutlich auf ein zwischen etwa 1150 und 1158 entstandenes Gesamtwerk zurück, den Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum („Buch über die feinen Eigenschaften der verschiedenen Geschöpfe“), der in der späteren Überlieferung in zwei selbstständige Werke aufgeteilt wurde.
Kosmologischer Zusammenhang
Causae et Curae beschreibt den Menschen als Teil einer umfassenden Schöpfungsordnung. Hildegard versteht ihn als Mikrokosmos, der in vielfältiger Beziehung zum Makrokosmos steht. Die Elemente der Welt spiegeln sich nach ihrer Auffassung im Menschen wider. Körper und Seele bilden dabei eine Einheit, deren Ursprung und Ordnung auf Gott zurückgehen.
Krankheitsursachen und Viersäftelehre
Die medizinische Lehre des Werkes greift die antike Humoralpathologie mit ihren vier Körpersäften – Blut, Schleim (Phlegma), gelber und schwarzer Galle – auf und verbindet sie mit der christlichen Schöpfungs- und Erlösungslehre. Krankheiten entstehen nach Hildegards Verständnis durch ein gestörtes Gleichgewicht dieser Säfte. Die tiefste Ursache sieht sie im Sündenfall, durch den der Mensch seine ursprüngliche Harmonie verlor und für Krankheit und Vergänglichkeit anfällig wurde.
Neben dieser theologischen Deutung nennt Hildegard zahlreiche weitere Einflüsse auf die Gesundheit. Dazu gehören Ernährung, Schlaf, Lebensrhythmus, seelische Belastungen und die persönliche Lebensführung. In diesen Beobachtungen lassen sich Parallelen zu heutigen ganzheitlichen und psychosomatischen Betrachtungsweisen erkennen, auch wenn sie in einem völlig anderen medizinischen und theologischen Weltbild stehen.
Ganzheitliche Heilung: Viriditas und Discretio
Das Ziel der Behandlung ist nicht allein die Linderung einzelner Beschwerden, sondern die Wiederherstellung der körperlichen und seelischen Ordnung (restitutio). Eine zentrale Rolle spielt dabei die Viriditas, die von Hildegard als göttliche Lebens- und Wachstumskraft verstanden wird. Sie entfaltet sich dort, wo der Mensch im Einklang mit der Schöpfung lebt. Ebenso wichtig ist die Discretio, das rechte Maß. Ernährung, Schlaf, Arbeit, Ruhe und Gebet sollen in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. Entsprechend empfiehlt Hildegard einen achtsamen und verantwortlichen Umgang mit dem eigenen Körper, damit dieser der Seele ein guter Lebensraum bleibt.
Diagnostik und Heilverfahren
Causae et Curae enthält zahlreiche praktische Hinweise zur Diagnostik und Therapie. Beschrieben werden unter anderem die Beurteilung von Puls, Blut, Urin und Stuhl sowie verschiedene Behandlungsverfahren wie Schröpfen, Moxibustion, Bäder und pflanzliche Heilmittel. Ausführlich behandelt Hildegard auch den Aderlass. Sie warnt vor übermäßigem Blutentzug und empfiehlt nur geringe Mengen zu entnehmen. Als günstigen Zeitpunkt nennt sie die ersten Tage nach Vollmond, da sie einen Zusammenhang zwischen den Mondphasen und den Körpersäften annimmt. Darüber hinaus enthält das Werk astrologische Angaben, die der damaligen medizinischen Tradition entsprachen und unter anderem für Krankheitsverläufe und Fragen der Empfängnis herangezogen wurden.
Sexualität und Frauenheilkunde
Ein weiterer Teil des Werkes beschäftigt sich mit menschlicher Sexualität und Fortpflanzung. Hildegard beschreibt Aufbau und Funktion der Geschlechtsorgane ebenso wie Zeugung, Schwangerschaft und geschlechtsspezifische Unterschiede in der sexuellen Empfindung. Dabei verbindet sie medizinische Beobachtungen mit ihrer theologischen Sicht des Menschen. Die Zeugung versteht sie als Zusammenwirken von Mann und Frau, an dem beide Geschlechter gleichermaßen beteiligt sind. Zur Veranschaulichung verwendet sie bildhafte Vergleiche, etwa wenn sie die männliche Erregung mit einem Schiff im Sturm und die weibliche mit einer gleichmäßigen, wärmenden Kraft beschreibt.
Überlieferung
Im Unterschied zu den theologischen Visionswerken und zur Physica ist Causae et Curae – abgesehen von wenigen Fragmenten – nur in einer einzigen spätmittelalterlichen Handschrift überliefert (Kopenhagen, Det Kongelige Bibliotek, Cod. 90b). Die Forschung geht überwiegend davon aus, dass der Grundbestand des Werkes auf Hildegard zurückgeht. Zugleich wird angenommen, dass einzelne Rezepte, Prognosen oder ergänzende Abschnitte im Verlauf der handschriftlichen Überlieferung von späteren Bearbeitern hinzugefügt oder überarbeitet wurden.