Im Liber Vitae Meritorum („Buch der Lebensverdienste“) beschreibt Hildegard von Bingen das sittliche Leben des Menschen als fortwährende Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse. Ethik erscheint dabei nicht als Sammlung einzelner Gebote, sondern als lebendiger Entscheidungsprozess, der den ganzen Menschen betrifft und zugleich in den Zusammenhang der göttlichen Schöpfungsordnung eingebettet ist.
Gut und Böse
Hildegard vertritt kein dualistisches Weltbild, in dem Gut und Böse gleichrangige Mächte wären. Alles Gute geht von Gott aus und dient der Erhaltung der Schöpfung. Das Böse besitzt nach ihrem Verständnis keine eigene schöpferische Wirklichkeit, sondern zeigt sich als Störung oder Verkehrung der von Gott gewollten Ordnung. Die Viriditas steht dabei für die göttliche Lebenskraft, während die Ariditas den Verlust dieser Lebendigkeit und Ordnung symbolisiert.
Der kosmische Rahmen
Der innere Kampf des Menschen vollzieht sich nach Hildegards Auffassung nicht losgelöst von der übrigen Schöpfung. Im Mittelpunkt des Liber Vitae Meritorum steht die Vision des kosmischen Menschen (Vir), der den Zusammenhang zwischen Gott, Mensch und Welt sichtbar macht. Auch die symbolische Zuordnung von Himmelsrichtungen dient dazu, geistliche Wirklichkeiten anschaulich darzustellen. Licht, Wärme und Leben stehen den Bildern von Finsternis, Kälte und Trennung gegenüber.
Die Psychomachie der Tugenden und Laster
Den Kern des Werkes bilden die 35 Tugend-Laster-Paare. In dialogischer Form treten zunächst die Laster auf und versuchen, ihr Verhalten zu rechtfertigen. Anschließend antworten die Tugenden und zeigen einen Weg, der zur Wiederherstellung der göttlichen Ordnung führt. Die Tugenden erscheinen dabei häufig nicht als handelnde Gestalten, sondern als Stimmen oder Lichterscheinungen, die göttliche Wahrheit und heilende Kraft verkörpern.
Der freie Wille
Entscheidend für Hildegards Ethik ist der freie Wille (liberum arbitrium). Der Mensch ist weder den Lastern noch den Tugenden ausgeliefert, sondern besitzt die Freiheit, sich immer wieder neu zu entscheiden. Seine Entscheidungen betreffen nicht nur das persönliche Leben, sondern stehen zugleich im Zusammenhang mit der gesamten Schöpfungsordnung. Deshalb schildert Hildegard in ihren Visionen auch die Natur als Zeugin menschlichen Handelns.
Umkehr und Hoffnung
Trotz der Ernsthaftigkeit dieses Kampfes ist das Liber Vitae Meritorum von einer grundsätzlichen Hoffnung geprägt. Keine Verfehlung schließt den Menschen endgültig von Gottes Gnade aus. Durch Einsicht, Umkehr, Buße und die bewusste Einübung der Tugenden kann der Mensch jederzeit einen neuen Anfang wagen. Die Tugenden eröffnen immer wieder den Weg zurück zu jener Gemeinschaft mit Gott, die Hildegard als eigentliche Bestimmung des Menschen versteht.