Im Mittelpunkt von Hildegard von Bingens zweitem visionären Hauptwerk, dem Liber Vitae Meritorum (Buch der Lebensverdienste), stehen 35 Tugend-Laster-Paare. Sie bilden das ethische Grundgerüst des Werkes und strukturieren dessen inhaltlichen Aufbau. Dabei handelt es sich nicht um einen bloßen Katalog moralischer Gebote, sondern um die Darstellung eines geistigen Ringens, das den Menschen in seiner Verantwortung, seiner Freiheit und seiner Beziehung zu Gott zeigt.
Der innere Kampf des Menschen (Psychomachie)
Hildegard gestaltet die 35 Gegensatzpaare als dialogische Auseinandersetzungen. Den Anfang macht jeweils das Laster (vitium), das sein Verhalten mit ausführlichen Argumenten zu rechtfertigen versucht. Die Tugend (virtus) antwortet darauf und weist den Weg zu einer Haltung, die nach Hildegards Verständnis dem göttlichen Willen entspricht. Anders als im Scivias erscheinen die Tugenden im Liber Vitae Meritorum häufig nicht mehr als sichtbar dargestellte Gestalten. Ihre Antworten erklingen vielmehr als Stimmen aus einer Wolke und werden so als Ausdruck göttlicher Wahrheit und heilender Kraft dargestellt.
Laster und Tugenden als gegensätzliche Kräfte
Hildegard beschreibt Laster und Tugenden nicht nur als moralische Eigenschaften, sondern auch als Kräfte mit Auswirkungen auf den ganzen Menschen. Die Laster belasten die Seele, fördern innere Unordnung und können nach ihrer Auffassung auch körperliche Beschwerden begünstigen. Tugenden wirken dem entgegen. Sie stärken den Menschen, fördern seine innere Ordnung und unterstützen sowohl das geistliche als auch das leibliche Wohl. So fragt etwa die Hartherzigkeit (Obduratio) spöttisch, weshalb sie sich für andere aufopfern solle. Die Barmherzigkeit (Misericordia) antwortet darauf mit dem Bild eines heilenden Krautes und einer lindernden Salbe, die Schmerzen lindert und Heilung ermöglicht.
Aufbau und innere Ordnung
Die 35 Tugend-Laster-Paare sind auf die ersten fünf Bücher des Werkes verteilt. Sie behandeln grundlegende Bereiche menschlichen Handelns. Zu ihnen gehören unter anderem Weltliebe (Amor saeculi) und Himmelsliebe (Amor caelestis), Völlerei (Ingluvies ventris) und Enthaltsamkeit (Abstinentia), Hochmut (Superbia) und Demut (Humilitas) sowie Weltschmerz (Tristitia saeculi) und himmlische Freude (Coeleste gaudium).
Der Mensch ist nach Hildegards Verständnis diesen Kräften nicht hilflos ausgeliefert. Immer wieder eröffnen die Tugenden die Möglichkeit eines neuen Anfangs. Durch den freien Willen (liberum arbitrium) bleibt jeder Mensch befähigt, zwischen beiden Wegen zu wählen und sein Leben neu auszurichten.
Persönliche Berufung im Zusammenhang der Schöpfung
Das moralische Geschehen spielt sich im Liber Vitae Meritorum nicht unabhängig von der übrigen Schöpfung ab. Es ist eingebettet in die Vision des kosmischen Menschen (Vir), der den Zusammenhang zwischen Gott, Mensch und Welt sichtbar macht. Fehlentscheidungen betreffen daher nach Hildegards Auffassung nicht nur den einzelnen Menschen, sondern beeinträchtigen zugleich die von Gott geschaffene Ordnung.
Gleichzeitig betont Hildegard die Individualität des Menschen. Kein Mensch kann alle Tugenden gleichermaßen verwirklichen. Wie das göttliche Licht sich in viele Farben aufgliedert, so entfaltet jeder Mensch nach seiner eigenen Berufung bestimmte Tugenden in besonderer Weise. Diese persönliche Gabe gilt es zu erkennen, zu entwickeln und im Laufe des Lebens verantwortlich zu verwirklichen.