Territoriale Machtpolitik

Die territoriale Machtpolitik der Udonen (Grafen von Stade) war geprägt von der Sicherung und Ausweitung ihrer Herrschaft im norddeutschen Raum, wobei sie militärische Gewalt, kirchenpolitische Ränke und dynastische Heirats- sowie Besetzungspolitik eng miteinander verzahnten. Im größeren Kontext der Familiengeschichte und des Lebens der Richardis von Stade lassen sich aus den Quellen folgende zentrale Mechanismen dieser Machtpolitik ableiten:

Vom militärischen Grenzschutz zur expansiven Machtpolitik Ursprünglich gründete sich der Aufstieg der Udonen auf die Abwehrkämpfe gegen die skandinavischen „Normannen“ an der Unterelbe. Als direkte machtpolitische und militärische Konsequenz aus dem verheerenden Wikingerüberfall von 994 verlegten sie ihren Hauptsitz von Harsefeld an die strategisch wichtigere Wasserstraße nach Stade und wandelten sich von einer binnenländischen Adelsherrschaft zu einer echten maritimen Territorialmacht. Im 12. Jahrhundert gingen die Udonen von dieser zunächst defensiven Haltung zu einer offensiven Expansion über. Unter Führung von Erzbischof Hartwig I. von Bremen (dem Bruder der Richardis) beteiligten sie sich maßgeblich am Wendenkreuzzug von 1147. Dieser Feldzug diente den sächsischen Fürsten weniger der friedlichen Missionierung als vielmehr dazu, eigene Herrschaftsansprüche in der „Germania Slavica“ durchzusetzen, Tribute zu erpressen und neue Gebiete östlich der Elbe zu erobern.

Sakrale Grenzsicherung als administratives Rückgrat Ein Kerninstrument der udonischen Territorialpolitik war das Konzept der sogenannten „sakralen Grenzsicherung“. Die Familie nutzte die Gründung und großzügige Ausstattung von Klöstern und Stiften (wie Harsefeld, Heeslingen und Bassum) keineswegs nur für das eigene Seelenheil, sondern baute diese Institutionen gezielt als administratives Rückgrat ihrer territorialen Grenzsicherung auf.

Die Krise um das „Stader Erbe“ In den 1140er Jahren geriet die Machtposition der Dynastie in eine existenzielle Krise: Mit dem Tod des Grafen Rudolf II. im Jahr 1144 erlosch der weltliche Mannesstamm der Udonen. Der einzige verbliebene männliche Erbe war Hartwig I., der jedoch als Geistlicher (erst Dompropst, ab 1148 Erzbischof von Bremen) nicht ohne Weiteres die weltliche Grafschaft übernehmen konnte. Es entbrannte ein erbitterter Streit um das reiche „Stader Erbe“. Heinrich der Löwe nutzte den Erbfall mit juristischen und kriegerischen Mitteln, um seinen eigenen Machtbereich in Sachsen massiv auszudehnen, und besetzte die Grafschaft Stade zeitweise. Hartwig I. wiederum überschrieb die Ländereien der Bremer Kirche, um sie als lebenslanges Lehen zurückzuerhalten und sich so seine eigene Herrschaft sowie die Wahl zum Erzbischof abzusichern.

Die Instrumentalisierung der Richardis von Stade Genau in dieser Phase des politischen Niedergangs der weltlichen Udonen-Linie wurde der hochadelige Frauenmonastizismus systematisch als Instrument imperialer Machtpolitikeingesetzt. Da die direkte territoriale Herrschaft gefährdet war, versuchte die Familie (insbesondere Mutter Richgard und Erzbischof Hartwig I.), ihren schwindenden Einfluss über hochrangige Kirchenämter abzusichern.

Dies war der eigentliche Grund für den dramatischen Wendepunkt im Leben der Richardis von Stade: Sie wurde im Jahr 1151 auf Druck ihrer Familie gegen den Willen Hildegards von Bingen aus ihrer spirituellen Gemeinschaft auf dem Rupertsberg herausgerissen und zur Äbtissin des traditionsreichen Stifts Bassum gemacht. Dass es sich hierbei um ein eiskaltes kirchenpolitisches Manöver handelte, wird dadurch belegt, dass fast zeitgleich auch Richardis' Nichte Adelheid von Sommerschenburg in Gandersheim als Fürstäbtissin installiert wurde, um sächsische Frauenstifte gezielt mit udonischem Blut zu besetzen.

Hildegard von Bingen durchschaute diese Ämterbesetzungen als reinen weltlichen Ehrgeiz und Instrument der familiären Machtpolitik, warf den Beteiligten Ämterkauf (Simonie) vor und wehrte sich bis hin zum Papst gegen diese Machenschaften. Das Schicksal der Richardis von Stade verdeutlicht somit tragisch, wie klösterliche Frauenkarrieren im Hochmittelalter integraler Bestandteil der dynastischen Herrschaftssicherung und territorialen Machtpolitik des Adels waren.


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