Schreiberin und Gehilfin

In der Geschichte und dem Schaffen der Mystikerin Hildegard von Bingen nahmen ihre Schreiber und Gehilfen eine absolut zentrale und existenzielle Rolle ein. Da Hildegard selbst nur über rudimentäre Lateinkenntnisse verfügte und sich oft scheute, ihre mystischen Schauungen aus eigener Kraft zu offenbaren, war sie zwingend auf die Unterstützung gebildeter und vertrauter Mitarbeiter angewiesen, um ihre Visionen zu übersetzen und aufzuzeichnen.

Die wichtigsten Gehilfen: Richardis von Stade und der Mönch Volmar Als Hildegard im Jahr 1141 nach langem Zögern den göttlichen Befehl erhielt, ihre Erlebnisse in ihrem theologischen Erstlingswerk Scivias niederzuschreiben, traten zwei Personen als ihre wichtigsten Stützen hervor: der Mönch Volmar und die junge adelige Nonne Richardis von Stade.

- Volmar von Disibodenberg fungierte als ihr Lehrer, Beichtvater und Sekretär. Er half Hildegard, ihre Ängste vor den Visionen zu überwinden, und kümmerte sich als Schreiber maßgeblich um die grammatikalische Korrektur und Transkription ihrer lateinischen Texte. - Richardis von Stade war Hildegards engste Vertraute, ihre persönliche Assistentin und "Lieblingsnonne". Die Quellen betonen, dass Richardis' Funktion weit über das bloße Diktatschreiben hinausging: Sie wirkte aktiv als Übersetzerin, Redakteurin und spirituelle Vertraute an der Produktion von Scivias mit. Zudem pflegte sie Hildegard während ihrer häufigen Krankheitsphasen und ermutigte sie stetig in ihrem literarischen Schaffen.

Die Bedeutung der Schreibstube (Das Skriptorium) Die herausragende Bedeutung dieser Zusammenarbeit wurde sogar in der Kunst des Mittelalters verewigt. Die berühmte Illustration (Frontispiz) des Liber divinorum operum im sogenannten Lucca-Kodex aus dem frühen 13. Jahrhundert zeigt Hildegard, wie das göttliche Feuer der Inspiration auf sie herabkommt. In dieser Miniatur sind Richardis und Volmar physisch an Hildegards Seite im klösterlichen Skriptorium abgebildet, was ihre gemeinsame Arbeit als unverzichtbares Team für die Nachwelt dokumentiert.

Der Verlust der Gehilfen als tiefe Krise Wie unverzichtbar eine spirituell verwandte Gehilfin für Hildegard war, zeigte sich auf dramatische Weise, als Richardis 1151 auf Betreiben ihrer ehrgeizigen Familie (den Udonen) das Kloster Rupertsberg verlassen musste, um Äbtissin in Bassum zu werden. Die Komplexität von Hildegards Offenbarungen erforderte eine Seele, die fähig war, die übernatürlichen Mitteilungen tiefgreifend zu verstehen und in lebendige theologische Lehren zu "übersetzen".

Hildegard wehrte sich verzweifelt gegen diese Trennung, da sie wusste, dass Richardis eine unerlässliche Rolle bei der Erfüllung ihrer eigenen prophetischen Mission spielte. Nach dem frühen Tod von Richardis im Jahr 1152 war Hildegard tief getroffen, und die Quellen betonen, dass der unverzichtbare Platz der Richardis als Gehilfin an Hildegards Seite nie wieder vollständig von einer anderen Person ausgefüllt werden konnte.

Auch als ihr treuer Sekretär Volmar im Jahr 1173 verstarb, geriet Hildegard erneut in große Not und Trauer. Sie musste sich in der Folgezeit mühsam neue Gehilfen suchen – darunter die Mönche Gottfried und Wibert von Gembloux –, um ihr immenses theologisches und briefliches Werk sowie ihre eigene Biografie fortführen zu können.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Hildegard von Bingens Aufstieg zu einer der bedeutendsten Universalgelehrten und Theologinnen des Mittelalters ohne das intellektuelle, redaktionelle und emotionale Wirken ihrer Gehilfen – allen voran Richardis von Stade – in dieser Form wohl nicht möglich gewesen wäre.


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