Mitarbeit am Scivias-Werk

Das visionäre Erstlingswerk „Scivias“ („Wisse die Wege“), das in den Jahren 1141 bis 1151 entstand, markiert den Beginn von Hildegard von Bingens öffentlichem Wirken als theologische Schriftstellerin und Prophetin. Nachdem sie im Jahr 1141 eine blendende Vision und den göttlichen Befehl erhalten hatte, ihre Schauungen aufzuzeichnen, zögerte sie zunächst aus Bescheidenheit und Furcht. Sie wurde sogar physisch krank, bevor sie schließlich mit der Unterstützung enger Vertrauter an die theologische und literarische Arbeit ging.

Bei der Ausarbeitung des Scivias war Hildegard auf ein engagiertes Mitarbeiterteam im klösterlichen Skriptoriumangewiesen. Ihre beiden wichtigsten Gehilfen waren der Mönch Volmar von Disibodenberg und die junge adelige Nonne Richardis von Stade. Volmar fungierte als ihr Lehrer, Beichtvater und Sekretär, dem die handschriftliche Aufzeichnung und grammatikalische Formung anvertraut war.

Die Rolle der Richardis von Stade ging jedoch weit über das bloße Diktatschreiben hinaus. Die Quellen beschreiben sie nicht nur als Hildegards persönliche Sekretärin und engste seelische Vertraute, sondern betonen, dass sie aktiv als Übersetzerin, Redakteurin und Kompilatorin am Scivias-Werk mitwirkte. Die enorme Bedeutung dieser gemeinsamen literarischen Arbeit wurde sogar in der mittelalterlichen Buchmalerei verewigt: Das Frontispiz (Titelbild) des im frühen 13. Jahrhundert entstandenen Lucca-Kodex (Liber divinorum operum) zeigt das göttliche Feuer der Inspiration, das auf Hildegard herabkommt, während Richardis und Volmar physisch an ihrer Seite abgebildet sind. Dies dokumentiert für die Nachwelt, dass das Trio als untrennbare Arbeitseinheit galt.

Das Ende dieser intensiven intellektuellen und spirituellen Zusammenarbeit kam im Jahr der Fertigstellung des Scivias(1151) durch ein von außen herangetragenes kirchenpolitisches Manöver. Die Familie der Richardis – insbesondere ihr ehrgeiziger Bruder, der Bremer Erzbischof Hartwig I., und ihre Mutter Richgard von Sponheim – setzten durch, dass Richardis das Kloster Rupertsberg verlassen musste, um die Leitung als Äbtissin im norddeutschen Stift Bassum zu übernehmen.

Hildegard wehrte sich verzweifelt gegen den Weggang ihrer engsten Assistentin, da ihr bewusst war, welch unverzichtbare Rolle Richardis für die Erfüllung ihrer prophetischen und schriftstellerischen Mission spielte. Hildegard warf der udonischen Familie Ämterkauf (Simonie) sowie weltlichen Ehrgeiz vor und richtete scharfe Protestbriefe an die Familie, den zuständigen Erzbischof von Mainz und sogar an Papst Eugen III.. Trotz dieses massiven Widerstands beugte sich Richardis dem familiären und kirchlichen Druck und trat ihr neues Amt an. Das Ende dieser Trennung war hochgradig tragisch: Nur wenig später, am 29. Oktober 1152, verstarb Richardis in Bassum, bevor sie ihren auf dem Sterbebett geäußerten Wunsch, zu Hildegard zurückzukehren, in die Tat umsetzen konnte.

Im größeren Kontext des Lebens von Hildegard von Bingen veranschaulicht die Mitarbeit am Scivias, wie existenziell wichtig hochgebildete Gefährtinnen für die Entstehung ihrer komplexen theologischen Werke waren. Der erzwungene Verlust ihrer wichtigsten Redakteurin Richardis hinterließ eine tiefe Lücke in Hildegards Leben und Wirken, die nie wieder vollständig durch eine andere Person ausgefüllt werden konnte.


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