Der Briefwechsel nach dem Tod der Richardis von Stade (gestorben am 29. Oktober 1152) bildet den emotionalen und theologischen Schlusspunkt des erbitterten Konflikts zwischen Hildegard von Bingen und der udonischen Adelsfamilie. Im größeren Kontext von Hildegards Leben dokumentieren diese Briefe nicht nur ihre außergewöhnlich innige Beziehung zu Richardis, sondern auch ihre absolute prophetische Selbstgewissheit und ihre theologische Deutung weltlicher Machtpolitik.
Aus den Quellen lassen sich folgende zentrale Aspekte des Briefwechsels ableiten:
Hartwigs Todesnachricht und Bitte um Vergebung Nachdem Richardis nach nur kurzer Amtszeit als Äbtissin von Bassum verstarb – und bevor sie ihren Wunsch, zu Hildegard zurückzukehren, in die Tat umsetzen konnte –, verfasste ihr Bruder, der Bremer Erzbischof Hartwig I., einen von tiefem Schmerz geprägten Brief an Hildegard. In diesem Schreiben (Brief 13) überbrachte er die Todesnachricht, berichtete der Magistra, wie sehr seine Schwester sie geliebt habe, und bat Hildegard um Vergebung für alles, was geschehen war, insbesondere für die erzwungene Trennung.
Hildegards Antwort: Vergebung und prophetische Bestätigung In ihrem Antwortschreiben an Hartwig (Brief 13r) legte Hildegard ihren zuvor heftigen Zorn über den "Ämterkauf" der Udonen ab. Obwohl sie tief trauerte, zeigte ihre Antwort ein klares Gefühl der Bestätigung (Vindikation): Der frühe Tod bewies aus ihrer Sicht endgültig, dass die Wahl zur Äbtissin gegen den Willen Gottes verstoßen hatte. Sie ermahnte Hartwig, der als Stellvertreter Christi sitze, nun an die Seele seiner Schwester zu denken und gute Werke zu tun, versicherte ihm aber zugleich, dass sie allen Kummer, den er ihr bereitet habe, aus ihrem Herzen verbanne.
Die theologische Deutung: Errettung vor der Welt Hildegard interpretierte den Tod der jungen Frau nicht als Niederlage, sondern als göttlichen Rettungsakt. Sie beschrieb Richardis poetisch als eine wunderschöne "Blüte in ihrer Schönheit und Lieblichkeit in der Symphonie dieser Welt". In ihrem Brief an Hartwig führte Hildegard aus, dass die "alte Schlange" (der Teufel) versucht habe, Richardis durch ihren menschlichen Adel und weltlichen Ehrgeiz zu Fall zu bringen. Da Gott sie jedoch so sehr favorisierte und liebte, habe der "mächtige Richter" sie frühzeitig zu sich geholt. Gott habe seine Geliebte nicht an einen "herzlosen Liebhaber" – nämlich die weltliche Eitelkeit und Versuchung – abtreten wollen, sondern sie vor dem menschlichen Ruhm bewahrt.
Die Natur der "göttlichen Liebe" Der Brief an Hartwig offenbart zudem die bemerkenswerte Dimension der Frauenfreundschaft. Hildegard schrieb, dass sie Richardis sowohl als "Tochter" wie auch als "Mutter" geliebt habe. Diese tiefe Zuneigung sei keine rein irdische Verbundenheit gewesen, sondern eine "göttliche Liebe", die ihr vom "Lebendigen Licht" in einer sehr lebhaften Vision ausdrücklich befohlen worden sei.
Der bleibende Verlust für Hildegards Mission Im größeren Kontext des Lebens von Hildegard von Bingen unterstreicht der Briefwechsel den unersetzlichen Verlust, den sie erlitt. Die Komplexität ihrer Visionen und die Abfassung ihres theologischen Erstlingswerks Scivias erforderten eine seelenverwandte Assistentin, Redakteurin und Übersetzerin, die fähig war, die übernatürlichen Mitteilungen zu begreifen. Der Tod der Richardis warf einen langen Schatten auf Hildegards weiteres Wirken; die Quellen betonen, dass der unverzichtbare Platz der Richardis an Hildegards Seite nie wieder vollständig von einer anderen Person ausgefüllt werden konnte.