Personenfähre Bingen-Rüdesheim

Prozess

Zwischen Bingen und Rüdesheim sind es nur wenige Minuten über den Rhein. Und doch erzählt diese kurze Überfahrt eine Geschichte von Jahrhunderten, von Schifferfamilien, Eisenbahnen, Behörden und dem eigensinnigen Beharren einer Region auf ihre eigene Tradition.
Wer heute auf die Fähre tritt, erlebt zunächst etwas ganz Alltägliches: Menschen mit Fahrrädern, Berufspendler, Touristen mit Kameras, der Blick auf Mäuseturm, Niederwalddenkmal und die Weinberge des Rheingaus. Doch unter dem gleichmäßigen Tuckern der Motoren liegt eine Vergangenheit, die weit über den bloßen Transport von einem Ufer zum anderen hinausgeht.

Schon im 19. Jahrhundert waren die Fährleute auf dem Rhein unterwegs. Mit dem Eisenbahntrajekt zwischen Bingerbrück und Rüdesheim erhielten sie jedoch mächtige Konkurrenz. Die Staatsbahn und später die Reichsbahn versuchten, den Verkehr über den Fluss in eigene Regie zu bringen. Für die örtlichen Schiffer bedeutete dies einen Kampf um ihre wirtschaftliche Existenz.
Die Wende kam durch einen Beamten, dessen Name heute beinahe vergessen wäre: Regierungsrat Paul Milatz. Nach einer Untersuchung der Verhältnisse am Rhein stellte er sich gegen das Fährmonopol der Reichsbahn. Seine Entscheidung ermöglichte es den Fährleuten, ihren Betrieb weiterzuführen. Aus Dankbarkeit erhielt eines der späteren Fahrgastschiffe seinen Namen.

1930 schlossen sich dreizehn Fähr- und Schifferfamilien zur Bingen-Rüdesheimer Motorbootsbesitzer-Genossenschaft zusammen. Wenige Jahre später entstanden die Fähren „Stadt Bingen“ und „Stadt Rüdesheim“. Aus einer bedrohten Erwerbsgrundlage wurde eine feste Institution des Mittelrheins.

Bis heute prägen die Fähren das Bild der beiden Städte. Während Brücken kommen und verschwinden, Hochwasser steigen und wieder fallen, pendeln die Schiffe weiterhin zwischen den Ufern. Sie verbinden nicht nur Rheinland-Pfalz und Hessen, sondern auch zwei eng miteinander verwobene Landschaften. Die Überfahrt dauert nur wenige Minuten – und doch scheint sie den Reisenden für einen Augenblick aus dem Rhythmus des Alltags herauszulösen.
Vielleicht liegt gerade darin der besondere Reiz dieser alten Rheinverbindung: Sie ist kein spektakuläres Verkehrsbauwerk, sondern eine bewegliche Tradition. Ein kleines Stück Mittelrhein, das sich bis heute dem Strom anvertraut.

Nachtrag: Die klassische Personenfähre Bingen–Rüdesheim wurde während der Corona-Zeit eingestellt und fuhr danach lange nicht mehr regulär. Laut einem Bericht der Allgemeinen Zeitung wurde der Betrieb 2020 eingestellt und anschließend nicht wieder aufgenommen. Als Gründe werden die veränderte wirtschaftliche Situation, Personalkosten und die schwierige Rentabilität genannt.

Wikipedia

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