Der rote Faden durch die Jahrhunderte

Ein besonderer Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung: die Frage, ob sich die Geschichte des Rupertsbergs über viele Jahrhunderte hinweg als eine zusammenhängende Entwicklung lesen lässt.

Ausgangspunkt ist eine Beobachtung, die bereits vor der Sprengung der Klosterruine gemacht wurde. Bei der Untersuchung der Fundamente erkannte ein Archäologe, dass die halbrunde Apsis der späteren Basilika offenbar auf deutlich älteren Mauerresten ruhte, die römischen Ursprungs sein könnten. Damit öffnete sich ein neues Deutungsfeld.

Ein halbrundes Fundament entspricht nicht nur der Architektur christlicher Kirchen, sondern findet sich ebenso bei römischen Thermenanlagen. In Verbindung mit den natürlichen Quellen des Rupertsbergs entstand daher die Überlegung, dass sich an dieser Stelle bereits in römischer Zeit ein Bade- oder Thermenbau befunden haben könnte. Diese Annahme wird durch weitere archäologische Hinweise aus der Umgebung gestützt: die Römerbrücke über die Nahe, der Verlauf des Ausoniusweges, römische Siedlungsspuren sowie Funde aus dem militärischen Umfeld von Bingerbrück.

Von dort aus ergibt sich eine Kette plausibler Schlussfolgerungen. Wo Römer bereits Gebäude errichtet hatten, wurden deren Fundamente häufig über Generationen hinweg weitergenutzt. Im Mittelalter war es üblich, tragfähige Mauern und Fundamente älterer Bauwerke in neue Anlagen einzubeziehen. Baumaterial war wertvoll, und vorhandene Strukturen boten eine bewährte Grundlage für Neubauten.

Unter dieser Voraussetzung lässt sich eine mögliche Entwicklung skizzieren: Auf eine römische Nutzung des Geländes – vielleicht als Therme oder repräsentativer Bau – folgten spätere Nutzungsphasen, bis schließlich das Kloster Hildegards von Bingen entstand. Die mittelalterlichen Baumeister hätten dabei auf Teile der vorhandenen Bausubstanz zurückgreifen können, wie es vielerorts üblich war.

Diese Rekonstruktion ist keine gesicherte Tatsache, sondern eine historische Arbeitshypothese. Ihre Stärke liegt jedoch darin, dass sie zahlreiche Einzelbefunde miteinander verbindet und in einen größeren Zusammenhang stellt. So entsteht ein Bild des Rupertsbergs als eines Ortes, dessen Geschichte nicht erst mit Hildegard beginnt, sondern möglicherweise weit in die Römerzeit zurückreicht – ein Ort, an dem sich die Spuren verschiedener Epochen zu einer bemerkenswerten historischen Kontinuität verbinden.


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