Die Ethik des Kosmos im „Liber vitae meritorum“ der Hildegard von Bingen

Eine Analyse von Gut und Böse, Tugend und Sünde, Freiheit und Verantwortung unter Einbeziehung lateinischer Quellentexte

Einleitung und visionäre Legitimation des ethischen Auftrags

Das zwischen 1158 und 1163 im Kloster Rupertsberg verfasste Liber vitae meritorum (LVM) bildet als zweites großes Visionswerk das ethische Zentrum der berühmten visionären Trilogie der Hildegard von Bingen (1098–1179).[1, 2, 3, 4, 5] Es fungiert als Bindeglied zwischen der heilsgeschichtlich-ekkklesiologischen Ausrichtung des ersten Werks Scivias (1141–1151) und der kosmologischen Synthese des abschließenden Liber divinorum operum (1163–1174).[1, 3, 4, 5] In der mediävistischen Forschung wird das Werk daher der theologischen Ethik zugeordnet und häufig als „visionäre Ethik“ charakterisiert, da es systematisch aufzeigt, wie ein moralisch verantwortungsvolles Leben im Hinblick auf das ewige Heil zu führen ist.[4, 6]

Die theologische und moralische Autorität dieser Schrift leitet Hildegard nicht aus eigener intellektueller Schulung her, sondern fundiert sie in einer unmittelbaren göttlichen Offenbarung.[5, 7] Ihre visionäre Begabung, die sie seit ihrer Kindheit begleitete, beschreibt sie als eine rein geistige, von den physischen Sinnen abgekoppelte Schau.[5, 8, 9] In der Vorrede des Liber vitae meritorum und in verwandten Briefen aus dieser Zeit wird diese Epistemologie durch präzise lateinische Zeugnisse belegt [5, 7]:

„Ista autem nec corporeis auribus audio nec cogitationibus cordis mei, nec ulla collatione sensuum meorum quinque percipio, sed tantum in anima mea, apertis exterioribus oculis...“ [5]

Die Gewissheit ihrer Prophetie beruht auf dem wachen, bewussten Charakter ihrer Visionen, die sich von den ekstatischen oder unbewussten Trancezuständen anderer Mystikerinnen abgrenzen [5, 8]:

„Visiones uero quas uidi, non eas in somnis, nec dormiens, nec in phrenesi, nec corporeis oculis aut auribus exterioris hominis, nec in abditis locis percepi, sed eas uigilans et cirumspecta in pura mente secundum uoluntatem dei accepi.“ [5]

Der göttliche Auftrag zur Niederschrift, der sie trotz großer Selbstzweifel und schwerer körperlicher Leiden ereilte, wird in den lateinischen Handschriften als unentrinnbare Pflicht dargestellt.[5, 8] Die literarische Manifestation ihrer Visionen ist untrennbar mit ihrer eigenen moralischen Verantwortung verbunden, den göttlichen Willen unverkürzt wiederzugeben [5]:

„Et ecce quadragesimo tertio temporalis cursus mei anno, cum caelesti uisioni magno timore inhaererem, uidi maximum splendorem, in quo facta est uox de caelo ad me dicens: O homo fragilis et cinis dic et scribe quae uides et audis... scribendum ea, dic et scribe illa... secundum uoluntatem scientis omnia.“ [5]

Hildegards ständige gesundheitliche Schwäche wird in diesem Kontext nicht als pathologische Einschränkung, sondern als theologische Schutzmaßnahme vor der Sünde des Hochmuts gedeutet [5, 8, 10]:

„...ne mens ipsius per superbiam aut per gloriam se eleuaret.“ [5]

Das lateinische Incipit des Werks verknüpft diese existenzielle Erfahrung direkt mit der Fortführung ihrer prophetischen Pflicht [7, 11]:

„Et factum es in nono anno postquam vera visio.“ [11]

Dieses Zitat verweist auf das Jahr 1158, genau neun Jahre nach der Vollendung des Scivias, in dem sich ihr der Kampf der Tugenden und Laster im Angesicht des kosmischen Gottesmenschen offenbarte.[7, 11]


Gut und Böse: Die kosmische Ordnung und die Polarität der Schöpfung

Die ontologische Struktur von Gut und Böse wird im Liber vitae meritorum durch eine gigantische, den gesamten Kosmos durchspannende Gestalt – den „VIR“ (den Mann bzw. Gottmenschen) – visualisiert.[5, 12, 13] Diese Gestalt, die vom Himmel bis in die Tiefen der Erde ragt, symbolisiert zunächst Gottvater und im fortschreitenden heilsgeschichtlichen Kontext zunehmend Christus als den Erlöser.[5, 12] Der „VIR“ bildet das unerschütterliche Zentrum und den Ruhepunkt in einem dynamischen Drama, das sich im Inneren jedes Menschen sowie im gesamten Universum abspielt.[12]

Die moralische Einteilung der Schöpfung folgt einer präzisen Symbolik der Himmelsrichtungen [12]:

Der Süden und der Ostenverkörpern die göttlichen Sphären der Wärme, des Guten, des Lichts und der Auferstehung.[12] In diese Richtungen wendet sich der kosmische „VIR“, um die schöpferische Kraft und die Erlösung zu aktivieren.[12, 13]Der Norden und der Westen symbolisieren die Zonen der Kälte, des moralisch Bösen, der Sünde und des endgültigen Verfalls.[12] Im Norden befindet sich die dunkle Wolke des Bösen, in der die verlorenen Seelen gefangen sind.[12]

Das Böse besitzt bei Hildegard keine eigenständige schöpferische Kraft.[6, 12] Es ist vielmehr eine parasitäre Störung der von Gott gesetzten dienenden Ordnung und des stützenden Maßes.[14] In dieser Hinsicht weist ihr Denken strukturelle Analogien zur spätantiken und frühmittelalterlichen Kosmologie auf.[15] Während Philosophen wie Johannes Scotus Eriugena die Natur in vier Kategorien einteilen, um den Rückkehrprozess der Schöpfung zu Gott rational zu fassen, drückt Hildegards Werk diesen Prozess in einer visionären Gesamtschau (summa) aus [6, 15]:

„quae creat et non creatus... quae et creatur et creat...“ [15]

Wo Eriugena die ontologische Bewegung der Natur beschreibt, konkretisiert Hildegard diese als einen permanenten ethischen Kampf zwischen dem lebendigen Licht (lux vivens) und den zerstörerischen Kräften des Teufels, die in das menschliche Bewusstsein eindringen.[5, 6, 16] Das Gute manifestiert sich in der Erhaltung der Lebenskräfte (viriditas), während das Böse diese Grünkraft austrocknet und in die Unfruchtbarkeit stürzt.[7, 17, 18, 19, 20]


Tugend und Sünde: Die Psychomachie der 35 Kräftepaare

Das moralische Rüstzeug des Menschen entfaltet sich in einer dramatischen Auseinandersetzung zwischen 35 Paaren von Lastern (vitia) und Tugenden (virtutes).[5, 7, 11, 21] Diese Paare sind systematisch über die ersten fünf Bücher des Werks verteilt.[6, 7, 21] Die literarische Anlage des LVM ist dialogisch aufgebaut: Jedes Laster tritt personifiziert auf, äußert seine selbstgefälligen, oft verführerischen Absichten, woraufhin die jeweilige Tugend als bloße Licht- und Stimmenerscheinung mit einer theologischen Gegendarstellung antwortet.[5, 22]

Zur begrifflichen Klärung ist darauf hinzuweisen, dass das Wort „Tugend“ im mittelalterlichen Sprachgebrauch eng mit „tauglich“ verwandt ist, während „Laster“ von „belasten“ oder „eine Last tragen“ abgeleitet wird.[21, 22] Die Sünden belasten die Seele und schädigen die ganzheitliche Gesundheit des Menschen, während die Tugenden als heilende Gotteskräfte wirken.[21, 22, 23]

Die folgende systematische Übersicht dokumentiert die vollständigen 35 polaren Paare des Liber vitae meritorum in ihrer originalen lateinischen Nomenklatur nebst ihrer begrifflichen Zuordnung:

Buch Laster (Vitia) [7, 21] Tugend (Virtutes) [7, 21] Ethisches Spannungsfeld und Analyse [7, 21, 22]
Buch I Amor saeculi(Weltliebe) <br>Petulantia(Ausgelassenheit) <br> Joculatrix(Vergnügungssucht) <br> Obduratio(Verhärtung) <br>Ignavia (Frustration) <br> Ira (Zorn) <br>Inepta laetitia(Schadenfreude) Amor caelestis(Himmelsliebe) <br> Disciplina(Ordnung) <br>Verecundia(Bescheidenheit) <br> Misericordia(Barmherzigkeit) <br> Divina victoria(Göttlicher Sieg) <br> Patientia(Geduld) <br>Gemitus ad Deum(Sehnsucht) Der Konflikt zwischen der Bindung an die materielle Welt und der Sehnsucht nach geistiger Ausrichtung. Die Tugenden fordern emotionale Disziplin und Mitgefühl statt emotionaler Verhärtung (Obduratio).
Buch II Ingluvies ventris(Völlerei) <br>Acerbitas(Verbitterung) <br>Impietas(Rücksichtslosigkeit) <br> Fallacitas(Lüge) <br>Contentio(Streitsucht) <br>Infelicitas(Unglückseligkeit) <br> Immoderatio(Maßlosigkeit) <br>Perditio animarum(Seelenkälte) Abstinentia(Enthaltsamkeit) <br> Vera largitas(Großzügigkeit) <br> Pietas (Güte) <br> Veritas(Wahrheit) <br>Pax (Frieden) <br>Beatitudo(Glückseligkeit) <br> Discretio(Rechtes Maß) <br> Salvatio animarum(Seelenheil) Die Etablierung des rechten Maßes (Discretio) im Umgang mit leiblichen und sozialen Bedürfnissen. Sie schützt vor Maßlosigkeit und der zerstörerischen Seelenkälte des Egoismus.
Buch III Superbia (Hochmut) <br> Invidia (Neid) <br> Inanis gloria(Ruhmsucht) <br>Inobedientia(Ungehorsam) <br>Infidelitas(Unglaube) <br>Desperatio(Verzweiflung) <br>Luxuria (Wollust) Humilitas (Demut) <br> Charitas(Nächstenliebe) <br> Timor Domini(Ehrfurcht) <br>Obedientia(Gehorsam) <br>Fides (Glaube) <br> Spes(Hoffnung) <br>Castitas(Keuschheit) Die Auseinandersetzung mit den klassischen Hauptsünden. Hochmut (Superbia) und Ungehorsam gelten als die Urwurzeln des Sündenfalls, denen die Demut (Humilitas) entgegengesetzt wird.
Buch IV Injustitia(Ungerechtigkeit) <br> Torpor(Schwäche) <br>Oblivio (Geistige Umnachtung) <br>Inconstantia(Unbeständigkeit) <br> Cura terrenorum(Irdische Sorge) <br> Obstinatio(Hartherzigkeit) <br> Cupiditas(Sucht/Habsucht) <br> Discordia(Zwietracht) Justitia(Gerechtigkeit) <br> Fortitudo(Tapferkeit) <br>Sanctitas(Heiligkeit) <br>Constantia(Beständigkeit) <br> Caeleste desiderium(Ursehnsucht) <br> Compunctio cordis(Umkehr/Reue) <br> Contemptus mundi(Weltabkehr) <br>Concordia(Harmonie) Die Stabilisierung des menschlichen Charakters im gesellschaftlichen und spirituellen Kontext. Die Gerechtigkeit (Justitia) fordert ein aktives Einschreiten gegen die Trägheit des Geistes (Torpor).
Buch V Scurrilitas(Spottsucht) <br>Vagatio (Labilität) <br> Maleficium(Aberglaube) <br>Avaritia (Geiz) <br>Tristitia saeculi(Weltschmerz) Reverentia(Würde) <br>Stabilitas(Stabilität) <br>Cultus Dei(Gottesverehrung) <br> Sufficientia(Genügsamkeit) <br> Coeleste gaudium(Himmlische Freude) Die Bewahrung der geistigen Konzentration und spirituellen Integrität gegenüber destruktivem Zynismus, Magie und lähmender Melancholie (Tristitia saeculi).

Ein tieferer Einblick in diese psychologischen Profile offenbart Hildegards differenziertes Verständnis der menschlichen Schwächen.[22] So argumentiert das Laster der Falschheit (Fallacitas) im Alltagsdiskurs opportunistisch [22]:

„Wer kann schon alles gemäß der Wahrheit sagen?“ [22]

Die Wahrheit (Veritas) entlarvt diese Haltung als feige Unterwerfung unter das Chaos.[21, 22] Die Laster versuchen stets, den Menschen in eine Isolation zu treiben, in der er die Verantwortung für seine Mitmenschen und für das göttliche Werk leugnet.[5, 16, 22] Dies zeigt sich paradigmatisch in der Argumentation der Verhärtung (Obduratio), die jegliche Empathie abweist [16, 22]:

„Warum sollte ich mich um jemandes willen anstrengen und mich abquälen?... Ich will mich für niemanden einsetzen, als auch er mir nützlich sein kann.“[16]

Dem hält die Barmherzigkeit (Misericordia) die unbedingte, lebensspendende Liebe Gottes entgegen, die sich in helfender Zuwendung konkretisiert.[3, 7, 16]


Freiheit und Verantwortung: Das liberum arbitrium im makrokosmischen Gefüge

Im Zentrum der Anthropologie des Liber vitae meritorum steht der freie Wille (liberum arbitrium) des Menschen, der ihn aus der restlichen Schöpfung heraushebt.[5, 6, 24] Der Mensch ist nicht passiver Empfänger kosmischer Kräfte, sondern ein mit rationaler Erkenntnis ausgestattetes Wesen, das sich bewusst für den Weg Gottes oder den des Teufels entscheiden kann.[6, 24] Er ist gleichzeitig Gottes Werkzeug und eigenverantwortlicher Akteur (opus et operarius Dei).[5]

Hildegard betont, dass diese Freiheit den Menschen in eine existentielle Verantwortung vor der gesamten Schöpfung stellt.[5, 14, 24] Da die Welt anthropozentrisch geordnet ist, reagiert der gesamte Kosmos auf die moralischen Taten des Individuums [5, 6, 14, 24]:

„The cosmos is presented as it stands in the good order created by god: a universe, in which all beings have a task... humanity's task, within this cosmos, is to speak out in praise of god...“ [6]

Wenn der Mensch sündigt, bricht er diese „dienende Ordnung“.[6, 14] In einer der eindringlichsten Visionen des LVM erheben die Elemente der Natur Anklage gegen den Menschen, weil seine moralischen Verfehlungen sie an der Ausübung ihrer natürlichen Bahnen hindern [6]:

„We cannot run and complete our path as we were set to do by our master.“ [6]

Die Natur ist bei Hildegard zutiefst vom Göttlichen durchdrungen.[23, 24] Der Mensch, der die Natur unbarmherzig ausbeutet oder die moralische Ordnung verletzt, stört die kosmische viriditas (die Grünkraft des Heiligen Geistes).[17, 24] Die Ethik des LVM begründet somit eine spirituelle Ökologie.[17] Der Mensch trägt als „Mit-Schöpfer“ im Garten Gottes die Verantwortung, das symphonische Zusammenspiel aller Geschöpfe zu erhalten.[17]

Die Ausübung des liberum arbitrium verlangt daher ständige Wachsamkeit, aktive Überwindung der eigenen Bequemlichkeit und die Bereitschaft zur Buße.[6, 22, 24] Hildegard fordert eine kompromisslose Entscheidung für das Leben und erteilt fatalistischen Schutzbehauptungen eine klare Absage [24]:

„ verlangt, dass alle Menschen ständig für das Gute und das Leben kämpfen und sich nicht in die 'blöde Ausrede: Wir kommen doch nicht mehr an gegen diese Welt!' flüchten.“ [24]


Quellenspiegelung und systematische Rezeptionsanalyse

Die moderne Erforschung des Liber vitae meritorum beruht auf einer präzise edierten Quellengrundlage und einer differenzierten wissenschaftlichen Auseinandersetzung.[4, 11] Im Folgenden werden die maßgeblichen Primärtextausgaben sowie die wichtigsten Strömungen der Sekundärliteratur systematisch gegenübergestellt.

Primärquellen und textkritische Grundlagen

Die Überlieferungsgeschichte des LVM ist durch Handschriften aus dem unmittelbaren Rupertsberger Skriptorium hervorragend dokumentiert.[4, 5, 11] Die wissenschaftliche Erschließung vollzog sich in zwei wesentlichen Editionsschritten [1, 4]:

Kardinal Jean-Baptiste Pitra (1882): Die Erstausgabe des lateinischen Textes in den Analecta sacra(Band 8, Monte Cassino) machte das Werk nach Jahrhunderten der Vergessenheit der modernen Forschung wieder zugänglich.[1, 4, 9] Trotz textlicher Ungenauigkeiten bildete sie das Fundament für die frühe Hildegard-Forschung.[1, 4]Angela Carlevaris OSB (1995): Die im Corpus Christianorum Continuatio Mediaevalis (CCCM 90, Turnhout) erschienene kritische Edition stellt das heutige Standardwerk dar.[1, 4, 11] Sie basiert maßgeblich auf dem hochpräzisen Codex Dendermonde (Cod. 9, ca. 1175), den Hildegard noch zu Lebzeiten persönlich an die Zisterzienserabtei Villers-la-Ville übersandte.[4, 5, 7, 11, 16, 25]

Analytische Erschließung in der Sekundärliteratur

Die Interpretation der ethischen und theologischen Kernthemen des LVM wird in der Forschung primär von drei unterschiedlichen, einander ergänzenden Ansätzen getragen [4, 6, 11]:

Die Bußtheologie (Susanne Ruge): In ihrer Studie „The Theology of Repentance: Observations on the Liber vite meritorum“ analysiert Ruge das Werk unter dem Aspekt der mittelalterlichen Beichtpraxis und Moraltheologie.[4, 6, 11, 26] Sie weist nach, dass Hildegard im LVM die wesentlichen Elemente des späteren Bußsakraments antizipiert.[6] Der Weg zur Erlösung vollzieht sich in einer klar definierten Folge [6]:Erkenntnis der eigenen Sünde und die Abkehr von ihr,Seufzen und Rufen nach Gott (ausgedrückt durch die spirituell reinigenden Tränen der Reue),Aktive Wiedergutmachungdurch rechtschaffene, heilige Taten,Eingeständnis der Schuld vor dem Priester zur sakramentalen Lossprechung.[6] Ruge betont, dass die am Ende jedes Laster-Abschnitts wiederkehrende lateinisch-deutsche Formel das moralische Gedächtnis des Lesers schulen soll [6, 16]:„Und es ist die Wahrheit. Und der gläubige Mensch achte darauf, und er halte es ganz fest im Gedächtnis seines guten Gewissens.“ [16]Die Berufungsethik (Sr. Maura Zátonyi OSB): Als Herausgeberin und Übersetzerin der maßgeblichen modernen Werkausgabe des LVM (Beuroner Kunstverlag, 2014) legt Zátonyi den Fokus auf den individualisierten Charakter der christlichen Tugendlehre.[2, 4, 11, 12, 22] Sie argumentiert gegen eine mechanische Erfüllung moralischer Pflichtenkataloge.[27] Für Hildegard sei die Vielfalt der Schöpfung auch im Bereich des Guten wirksam.[27] Jeder Mensch habe die Pflicht, das eine, unteilbare Licht Gottes in seiner ganz persönlichen Weise zu spiegeln [27]: „Die eigene Farbe und die eigene Form zu finden und ihnen treu zu bleiben – das ist ein Auftrag, der ein ganzes Leben erfüllt.“[27] Das LVM wird hierbei zu einer Anleitung zur Entdeckung des individuellen geistlichen Potenzials im Rahmen der kosmischen Verantwortung des Menschen.[12, 27]Die anthropologische Kosmologie (Heinrich Schipperges): Die Pionierarbeit von Heinrich Schipperges („Der Mensch in der Verantwortung“, 1972) begründet die naturphilosophische Lesart des LVM.[4, 9, 11] Schipperges zeigt auf, dass bei Hildegard die menschliche Gesundheit (salus) untrennbar mit dem moralischen Verhalten verknüpft ist.[14, 24, 28] Seine Interpretation betont das organische Wechselspiel zwischen Mikrokosmos (Mensch) und Makrokosmos (Welt).[23, 24] Wenn der Mensch seine ethische Verantwortung leugnet, erkrankt nicht nur seine Seele, sondern es gerät auch sein physischer Körper sowie das Gleichgewicht der ihn umgebenden Elemente ins Wanken.[23, 24, 28] Ethik ist demnach angewandte Kosmologie und ganzheitliche Heilkunde.[14, 23, 24, 28]


Fazit

Das Liber vitae meritorumerweist sich in seiner Synthese aus lateinischer Primärüberlieferung und moderner wissenschaftlicher Analyse als ein wegweisender Entwurf einer kosmologischen Ethik.[5, 6, 17, 24] Hildegard von Bingen befreit die christliche Sündenlehre aus dem engen Rahmen bloßer juristischer Verfehlungen und verortet sie in einem universalen Lebensnetz, das von der alles durchdringenden Grünkraft (viriditas) getragen wird.[7, 17, 18, 19, 20, 24]

Die menschliche Freiheit des liberum arbitrium ist kein Freibrief für moralische Willkür, sondern begründet eine weitreichende Verantwortung.[5, 6, 24] Der Mensch steht als Bindeglied zwischen Himmel und Erde in der Pflicht, durch die bewusste Wahl der Tugenden und den ständigen Vollzug der Buße aktiv an der Heilung und Vollendung der Schöpfung mitzuwirken.[5, 6, 12, 17] Das LVM verknüpft auf einzigartige Weise die spirituelle Sehnsucht des Individuums mit einer globalen, heute aktueller denn je erscheinenden Verantwortung für das Leben in all seinen kosmischen Dimensionen.[17, 22, 24]


QUELLEN

[1] Hildegard - ldysinger.com
http://www.ldysinger.com/@texts2/1170_hildegard/00a_start.htm

[2] Hildegard von Bingen - Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Hildegard_von_Bingen

[3] Hildegard von Bingen in | Schülerlexikon - Lernhelfer.de
https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/biologie-abitur/artikel/hildegard-von-bingen

[4] Liber vitae meritorum - Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_vitae_meritorum

[5] Hildegard von Bingen Liber Scivias - Omi Facsimiles
https://www.omifacsimiles.com/brochures/cima50.pdf"

[6] The Theology of RepenTance: obseRvaTions on The Liber vite meritorum* susanne Ruge - Brill
https://brill.com/display/book/edcoll/9789004260719/B9789004260719_011.pdf"

[7] The Book of the Rewards of Life (Liber Vitae Meritorum) - FishEaters
https://www.fisheaters.com/srpdf/BookoftheRewardsofLife.pdf"

[8] Hildegard of Bingen - Wikipedia
https://en.wikipedia.org/wiki/Hildegard_of_Bingen

[9] Hildegard von Bingen - Entstehung - Heilig Blut Gemeinschaft
https://www.heilig-blut.com/index.php?plink=hildegard-von-bingen-entstehung

[10] hildegard of bingen - a temporal-lobe epileptic, an ingenious woman, or both?
https://www.researchgate.net/publication/311591641_HILDEGARD_OF_BINGEN_-_A_TEMPORAL-LOBE_EPILEPTIC_AN_INGENIOUS_WOMAN_OR_BOTH

[11] Liber vitae meritorum - Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters
https://geschichtsquellen.de/werk/2816

[12] Säulen zur Vision des „VIR“ in: "Liber vitae meritorum"
https://abtei-st-hildegard.de/?nltr=NjM7NDY5NjtodHRwczovL2FidGVpLXN0LWhpbG

[13] Die Bilder der hl. Hildegard: Bericht einer Begegnung
https://www.hildegard-akademie.de/images/projekte/kunst/Die_Bilder_der_hl_Hildegard_Christophora_Janssen.pdf

[14] Hildegard-Medizin. - UB Graz
https://unipub.uni-graz.at/obvugrhs/download/pdf/206485

[15] Four-fold thinking4you | Pagina 5 - Quadriformisratio
https://quadriformisratio.wordpress.com/page/5/

[16] Die Spiritualität der heiligen Hildegard
https://abtei-st-hildegard.de/die-spiritualitaet-der-hl-hildegard/

[17] Cosmic Partnership: Hildegard of Bingen's vision of an integral ecology - CSB and SJU Digital Commons
https://digitalcommons.csbsju.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1293&context=social_encounters

[18] Selected Writings St Hildegard Of Bingen
https://www.fisheaters.com/srpdf/bingen1.pdf

[19] Selected-Writings-Hildegard-of-Bingen-Mark-Atherton.pdf - Westminster Abbey
https://westminsterabbey.ca/wp-content/uploads/2018/07/Selected-Writings-Hildegard-of-Bingen-Mark-Atherton.pdf

[20] Green Mass: The Ecological Theology of St. Hildegard of Bingen
https://dokumen.pub/green-mass-the-ecological-theology-of-st-hildegard-of-bingen-9781503629271.html

[21] Tugenden und Laster nach Hildegard von Bingen – Ein Wegweiser zu spiritueller Gesundheit
https://www.kleine-abtei.de/blog/ueber-hildegard-von-bingen/tugenden-laster

[22] Hildegards Heilkunde und Tugendlehre - Scivias Institut
https://www.scivias-institut.de/wp-content/uploads/2017/03/2017_Michael-Ptok-Hildegards-Heilkunde_2017.pdf

[23] Hildegard von Bingen - Yoga Wiki
https://wiki.yoga-vidya.de/Hildegard_von_Bingen

[24] Aspekte der Welterkenntnis bei Hildegard von Bingen
https://www.grin.com/document/99964

[25] Music, Manuscripts, Illuminations, and Scribes
https://www.cambridge.org/core/books/cambridge-companion-to-hildegard-of-bingen/music-manuscripts-illuminations-and-scribes/A721CB9A95641E71C03444176E6EA710

[26] Hildegard of Bingen, Liber vitae meritorum | Request PDF - ResearchGate
https://www.researchgate.net/publication/393267283_Hildegard_of_Bingen_Liber_vitae_meritorum

[27] Der Weg der Lebenskräfte – BENEDIKTINERINNENABTEI ST. HILDEGARD
https://abtei-st-hildegard.de/der-weg-der-lebenskrafte/

[28] The Mistress and the Handmaid: Physical and Spiritual Health in"Causae et curae"
https://www.academia.edu/35130132/The_Mistress_and_the_Handmaid_Physical_and_Spiritual_Health_in_Hildegard_of_Bingens_Causae_et_curae


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