Hildegard von Bingen: Viriditas – Grünkraft, Lebenskraft und Erneuerung

Quellenkritische Arbeitsfassung mit lateinischen Belegen, eigenen Übersetzungen, Fundstellen und einer Einordnung der jeweiligen Bedeutung von viriditas.

Wichtige methodische Einschränkung: Die Tabelle unterscheidet zwischen sicher identifizierten Originalstellen, sinngemäß rekonstruierten Aussagen und noch nicht belegbaren Arbeitszitaten. Formulierungen mit unsicherem Wortlaut sollten nicht als wörtliche Hildegard-Zitate verwendet werden.
Zentrales Ergebnis: Viriditas bezeichnet bei Hildegard nicht nur pflanzliches Grün. Der Begriff verbindet körperliche Lebenskraft, seelische Belebung, Fruchtbarkeit, geistliche Wirksamkeit und heilsgeschichtliche Erneuerung.

Leseschlüssel: Grün markierte Statusangaben bezeichnen sicher kontrollierte Belege; ockerfarbene Angaben kennzeichnen noch zu prüfende Formulierungen; rote Angaben weisen auf offene oder nicht belegbare Arbeitszitate hin.

Viriditas – Zitate, Fundstellen und begriffliche Bedeutung
Nr. Lateinischer Originaltext Eigene Übersetzung Werk und Fundstelle Bedeutung von viriditas Status
1 Anima quoque viriditas carnis est, quoniam corpus hominis per ipsam crescit et proficit, quemadmodum terra per humiditatem fructificat. „Auch die Seele ist die Grünkraft des Fleisches, weil der Leib des Menschen durch sie wächst und sich entfaltet, wie die Erde durch Feuchtigkeit Frucht hervorbringt.“ Causae et Curae, Buch II, Abschnitt über Seele und Leib; Kaiser 1903, S. 50; in älterer Abschnittszählung Kap. XXI Belebende Kraft der Seele im Körper Text und Werkstelle sicher identifiziert
2 O nobilissima viriditas, quae radicas in sole et quae in candida serenitate luces in rota, quam nulla terrena excellentia comprehendit. „O edelste Grünkraft, die du in der Sonne wurzelst und in leuchtender Klarheit innerhalb jenes Kreises strahlst, den keine irdische Hoheit zu erfassen vermag.“ Symphonia, Responsorium O nobilissima viriditas; Riesenkodex fol. 471rb–va; auch Scivias III,13 Göttlich begründete Lebenskraft der Jungfräulichkeit Text und Werkstelle sicher identifiziert
3 Tu circumdata es amplexibus divinorum ministeriorum. „Du bist von den Umarmungen der göttlichen Wirksamkeiten umgeben.“ Fortsetzung von O nobilissima viriditas Die viriditas steht im Wirkungsraum Gottes Text und Werkstelle sicher identifiziert
4 O viriditas digiti Dei, in qua Deus constituit plantationem quae in excelso resplendet ut statuta columna. „O Grünkraft des Fingers Gottes, in der Gott eine Pflanzung errichtete, die in der Höhe wie eine fest gegründete Säule erstrahlt.“ Symphonia, Responsorium O viriditas digiti Dei, auf den heiligen Disibod Geistliche Fruchtbarkeit eines Heiligen Text und Werkstelle sicher identifiziert
5 Tu gloriosa in praeparatione Dei, et tu semper clara in nobilitate tua. „Du bist ruhmreich in Gottes Vorbereitung und stets leuchtend in deiner Würde.“ Fortsetzung von O viriditas digiti Dei Viriditas als von Gott vorbereitete Heiligkeit Text und Werkstelle sicher identifiziert
6 O virga ac diadema purpurae regis, quae es in clausura tua sicut lorica. „O Reis und Diadem des königlichen Purpurs, die du in deiner Verschlossenheit wie ein Schutzpanzer bist.“ Symphonia, Sequenz O virga ac diadema Maria als lebendiges Reis; der Begriff wird im folgenden Naturvergleich entfaltet Text und Werkstelle sicher identifiziert
7 O flos, tu non germinasti de rore nec de guttis pluviae, nec aer desuper te volavit, sed divina claritas in nobilissima virga te produxit. „O Blüte, du bist weder aus Tau noch aus Regentropfen hervorgekeimt, auch hat die Luft nicht von oben über dich geweht; vielmehr brachte dich göttlicher Glanz an dem edelsten Reis hervor.“ Symphonia, O virga ac diadema Übernatürliches Ergrünen und Blühen Mariens Text und Werkstelle sicher identifiziert
8 O viridissima virga, ave, quae in ventoso flabro sciscitationis sanctorum prodisti. „Sei gegrüßt, du grünendstes Reis, das du im bewegten Wehen des Fragens und Suchens der Heiligen hervorgetreten bist.“ Symphonia, Responsorium O viridissima virga Maria als in höchstem Maße lebendiges Reis Text und Werkstelle sicher identifiziert
9 Cum venit tempus quod tu floruisti in ramis tuis, ave, ave tibi fuit, quia calor solis in te sudavit sicut odor balsami. „Als die Zeit kam, da du an deinen Zweigen erblühtest, erklang dir der Gruß; denn die Wärme der Sonne durchdrang dich wie der Duft des Balsams.“ Symphonia, O viridissima virga Fruchtbarkeit und Inkarnation im Bild des blühenden Zweiges Text und Werkstelle sicher identifiziert
10 Nam in te floruit pulcher flos, qui odorem dedit omnibus aromatibus quae arida erant. „Denn in dir erblühte die schöne Blume, die allen Gewürzen, die vertrocknet waren, ihren Duft zurückgab.“ Symphonia, O viridissima virga Christus überwindet die ariditas der gefallenen Welt Text und Werkstelle sicher identifiziert
11 Et illa apparuerunt omnia in plena viriditate. „Und sie alle erschienen in voller Grünkraft.“ Symphonia, O viridissima virga Wiederhergestellte Lebendigkeit durch Christus Text und Werkstelle sicher identifiziert
12 Viscera tua gaudium habuerunt sicut gramen super quod ros cadit, cum ei viriditatem infundit. „Dein Inneres empfing Freude wie das Gras, auf das Tau fällt und ihm Grünkraft einströmen lässt.“ Symphonia, Hymnus Ave generosa Empfängnis als Belebung durch göttlichen Tau Text und Werkstelle sicher identifiziert
13 Ut et in te factum est, o mater omnis gaudii. „So geschah es auch in dir, o Mutter aller Freude.“ Fortsetzung von Ave generosa Übertragung des Naturbildes auf Maria Text und Werkstelle sicher identifiziert
14 O frondens virga, in tua nobilitate stans sicut aurora procedit. „O belaubtes Reis, das du in deiner Würde dastehst, wie die Morgenröte hervortritt.“ Symphonia, Antiphon O frondens virga Geistliches Leben als belaubtes, wachsendes Reis Text und Werkstelle sicher identifiziert
15 Nunc gaude et laetare et nos debiles dignare a mala consuetudine liberare. „Freue dich nun und frohlocke und würdige dich, uns Schwache von verderblicher Gewohnheit zu befreien.“ Fortsetzung von O frondens virga Die vegetative Lebendigkeit wird ethisch-heilsgeschichtlich gedeutet Text und Werkstelle sicher identifiziert
16 O tu suavissima virga frondens de stirpe Iesse. „O du liebstes, belaubtes Reis aus dem Stamm Jesse.“ Symphonia, Mariengesang O tu suavissima virga Maria als grünendes Reis der Heilsgeschichte Text und Werkstelle sicher identifiziert
17 O quam magnum est in viribus suis latus viri, de quo Deus formam mulieris produxit, quam fecit speculum omnis ornamenti sui et amplexionem omnis creaturae suae. „Wie groß ist in seinen Kräften die Seite des Mannes, aus der Gott die Gestalt der Frau hervorbrachte, die er zum Spiegel all seiner Schönheit und zur Umarmung seiner ganzen Schöpfung machte.“ Symphonia; konkrete Editionszuordnung noch zu kontrollieren Lebenskraft und Fruchtbarkeit der Frau Nur als Arbeitsfund aufgenommen
18 De terra viriditas sudat. „Aus der Erde schwitzt die Grünkraft hervor.“ Liber divinorum operum, I,1, Auslegung der ersten Vision Elementare Fruchtbarkeit der Erde ...konnte ich in der Kaiser-Ausgabe nicht als Originalsatz nachweisen.
19 Et terra viriditatem suam profert. „Und die Erde bringt ihre Grünkraft hervor.“ Liber divinorum operum, I,1, kosmologische Auslegung Sichtbares Wachstum der Erde ...ist als Gedanke vorhanden, aber nicht als dieses Zitat.
20 Viriditas enim terrae per calorem solis excitatur. „Denn die Grünkraft der Erde wird durch die Wärme der Sonne erweckt.“ Liber divinorum operum, kosmologischer Abschnitt über Sonne und Erde Naturphysiologisches Zusammenwirken von Sonne und Erde ...eine moderne Zusammenfassung mehrerer Aussagen.
21 Sicut enim viriditas terrae per solem proficit, ita et homo per animam vivificatur. „Wie nämlich die Grünkraft der Erde durch die Sonne gedeiht, so wird auch der Mensch durch die Seele belebt.“ Liber divinorum operum, anthropologisch-kosmologischer Vergleich Analogie Erde–Sonne und Körper–Seele ..sinngemäß richtig, aber kein wörtlicher Hildegard-Satz.
22 Viriditas est in lapide, quia et lapis humiditatem habet. „Grünkraft ist auch im Stein, weil selbst der Stein Feuchtigkeit besitzt.“ Liber divinorum operum beziehungsweise naturkundliche Überlieferung Viriditas als verborgene Kraft auch im scheinbar Unbelebten ...kein sicher belegbarer Originalsatz.
23 Nam viriditas arborum et herbarum de terra procedit. „Denn die Grünkraft der Bäume und Kräuter geht aus der Erde hervor.“ Causae et Curae, kosmologischer Teil über Erde und Pflanzen Pflanzliches Wachstum sinngemäß aus mehreren Stellen rekonstruiert.
24 Viriditas et floriditas eius, quae in prole frondet, sicut arbor in ramis suis flores producit. „Ihre Grün- und Blühkraft, die in der Nachkommenschaft belaubt hervortritt, ist wie ein Baum, der an seinen Zweigen Blüten hervorbringt.“ Causae et Curae, Abschnitt über weibliche Zeugungsfähigkeit Weibliche Fruchtbarkeit vermutlich echter Gedanke, muss aber im Wortlaut gegen Moulinier geprüft werden.
25 Sanguis enim in homine viriditatem habet. „Denn das Blut besitzt im Menschen Grünkraft.“ Causae et Curae, physiologischer Abschnitt über Blut und Lebenswärme Blut als Träger körperlicher Vitalität ...nicht belegbar.
26 Cum autem viriditas hominis deficit, etiam sanguis eius minuitur. „Wenn aber die Grünkraft des Menschen nachlässt, vermindert sich auch sein Blut.“ Causae et Curae, Abschnitt über Alter beziehungsweise körperlichen Verfall Abnahme der Lebenskraft ...nicht belegbar.
27 Capilli de viriditate et humiditate hominis nascuntur. „Die Haare wachsen aus der Grün- und Feuchtkraft des Menschen.“ Causae et Curae, Abschnitt über Haare und Kahlheit Körperliche Wachstumsfähigkeit ...Haarpassagen existieren, jedoch nicht in diesem Wortlaut
28 Quoniam viriditas in eo deficit, capilli eius cadunt. „Weil seine Grünkraft in ihm nachlässt, fallen seine Haare aus.“ Causae et Curae, Abschnitt über Haarausfall Verlust der regenerativen Kraft ...Haarpassagen existieren, jedoch nicht in diesem Wortlaut
29 In iuvene viriditas et calor abundant. „Im jungen Menschen sind Grünkraft und Wärme reichlich vorhanden.“ Causae et Curae, Abschnitt über die Lebensalter Jugendkraft ..kein wörtliches Zitat, sondern Zusammenfassung
30 In sene autem viriditas marcescit. „Im alten Menschen aber welkt die Grünkraft.“ Causae et Curae, Abschnitt über das Alter Altern als Welken körperlicher Vitalität ...Wortlaut nicht gesichert

Vorläufige begriffliche Bilanz