Hildegard von Bingen: Ordo – Ordnung, Maß und stimmiger Zusammenhang
Quellenkritische Arbeitsfassung mit lateinischen Belegen, eigenen Übersetzungen, Fundstellen und einer Einordnung der Begriffe ordo, ordinatio und ordinare.
Wichtige methodische Einschränkung: Hildegard entwickelt keine geschlossene „Ordo-Theorie“ im modernen Sinn. Der Gedanke der Ordnung verteilt sich über Bilder und Aussagen zu Weisheit, Maß, Schöpfung, göttlicher Vorsehung, menschlichem Denken und sittlicher Verantwortung. Die Tabelle trennt deshalb direkte Wortbelege von Aussagen, die den Ordnungsbegriff sachlich entfalten.
Zentrales Ergebnis: Ordnung ist bei Hildegard kein starres Schema. Sie ist die von der göttlichen Weisheit gestiftete, maßvolle Beziehung der Kräfte. Der Mensch steht in dieser Ordnung nicht als willenloses Teil, sondern als denkendes und handelndes Wesen, das seine Werke innerlich erwägt und verantwortlich ausführt.
| Nr. | Lateinischer Originaltext | Eigene Übersetzung | Werk und Fundstelle | Bedeutung für ordo | Status |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Omnis quoque ordinatio sapientiae suavis et lenis existit. | „Jede Ordnung der Weisheit ist wohltuend und mild.“ | Liber divinorum operum, III, Vision 8, Kap. 14; PL 197, col. 996C–D. Die ältere Online-Wiedergabe liest fehlerhaft lonis statt lenis. | Grundformel: Wahre Ordnung entspringt der Weisheit und wirkt nicht gewaltsam, sondern stimmig, freundlich und maßvoll. | Wortlaut und Zusammenhang sicher identifiziert |
| 2 | In umbra quoque hac sapientia aequali mensura omnia metiebatur, ne aliud pondere suo aliud excederet. | „In diesem Schatten maß die Weisheit alles mit gleichem Maß, damit nicht das eine durch sein Gewicht das andere überrage.“ | Liber divinorum operum, III, Vision 8; PL 197, col. 980. | Ordnung bedeutet ausgewogenes Maß. Keine Kraft soll die anderen verdrängen oder das Ganze aus dem Gleichgewicht bringen. | Wortlaut sicher identifiziert |
| 3 | Ne etiam aliud ab alio in contrarium moveri posset. | „Damit auch nicht das eine vom anderen in eine gegensätzliche Bewegung getrieben werde.“ | Fortsetzung der vorhergehenden Stelle in Liber divinorum operum, III, Vision 8. | Ordnung bewahrt die Kräfte davor, gegeneinander zu arbeiten und den Zusammenhang des Ganzen zu zerstören. | Wortlaut sicher identifiziert |
| 4 | Deus itaque per sapientiam firmamentum posuit. | „Gott setzte daher durch die Weisheit das Firmament ein.“ | Liber divinorum operum, III, Vision 8, Kap. 14; PL 197, col. 996A. | Die Schöpfungsordnung ist nicht zufällig. Sie ist durch die Weisheit begründet und erhält dadurch Festigkeit. | Wortlaut sicher identifiziert |
| 5 | Illudque Deus cum ornatu suo ad laudem suam posuit, sicut sapientia hoc praeordinaverat. | „Gott setzte es mit seinem Schmuck zu seinem Lob ein, so wie die Weisheit es zuvor geordnet hatte.“ | Liber divinorum operum, III, Vision 8, Kap. 14; PL 197, col. 996B. | Praeordinare bezeichnet eine vorausgedachte Ordnung: Gestalt, Funktion und Schönheit gehören zusammen. | Wortlaut sicher identifiziert |
| 6 | Et haec omnia ornatus sapientiae sunt. | „Und dies alles ist der Schmuck der Weisheit.“ | Liber divinorum operum, III, Vision 8, Kap. 14; PL 197, col. 996B. | Ordnung ist nicht bloß Funktion. Die differenzierte und schöne Gestalt der Schöpfung ist Ausdruck der Weisheit. | Wortlaut sicher identifiziert |
| 7 | In eadem praescientia divina ordinatio se expandens, ad manifestationem sui processit. | „In derselben Vorsehung entfaltete sich die göttliche Ordnung und trat zu ihrer Offenbarung hervor.“ | Liber divinorum operum, III, Vision 6, Kap. 2; PL 197, col. 957A. | Die unsichtbare göttliche Ordnung wird in der sichtbaren Schöpfung wirksam und erkennbar. | Wortlaut sicher identifiziert |
| 8 | Nam cum Deus voluit, omnem creaturam prodire fecit. | „Denn als Gott wollte, ließ er die ganze Schöpfung hervortreten.“ | Unmittelbare Fortsetzung der vorhergehenden Stelle, Liber divinorum operum, III, Vision 6. | Ordnung ist verwirklichter Wille Gottes: Das Gedachte tritt als gegliederte Schöpfung in Erscheinung. | Wortlaut sicher identifiziert |
| 9 | Divina ordinatio duas alas in angelis et hominibus habens, in possibilitate sua velut in monte omnia ordinando sedet. | „Die göttliche Ordnung besitzt in Engeln und Menschen gleichsam zwei Flügel und sitzt in ihrer Wirkmacht wie auf einem Berg, indem sie alles ordnet.“ | Liber divinorum operum, III, Vision 6, Kap. 2; PL 197, col. 957A–B. | Engel und Menschen stehen als vernunftbegabte Wesen innerhalb der göttlichen Ordnung und wirken an ihr mit. | Wortlaut sicher identifiziert |
| 10 | Deus omnia opera sua vera et justa faciens, ea tanta fortitudine corroboravit. | „Gott machte alle seine Werke wahr und gerecht und festigte sie mit so großer Stärke.“ | Liber divinorum operum, III, Vision 6, Kap. 2; PL 197, col. 956C. | Die Ordnung der Schöpfung beruht auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Bestand. Sie ist keine beliebige Anordnung. | Wortlaut sicher identifiziert |
| 11 | Divinitas enim ordinationem omnis operis sui in semetipsa habuit, quemadmodum illud fieri deberet. | „Die Gottheit trug nämlich die Ordnung ihres ganzen Werkes in sich, so wie es werden sollte.“ | Liber divinorum operum, III, Vision 8, Kap. 14; PL 197, col. 997D. | Der geschaffenen Wirklichkeit liegt ein innerer Zusammenhang voraus. Ordnung ist die geistige Form des noch zu verwirklichenden Werkes. | Wortlaut sicher identifiziert |
| 12 | Et secundum hoc hominem ut cogitare posset constituit, ita ut ille omnia opera sua in corde suo primitus dictet, quam faciat. | „Und danach richtete er den Menschen so ein, dass er denken könne, damit dieser alle seine Werke zuerst in seinem Herzen entwerfe, bevor er sie ausführt.“ | Fortsetzung der vorhergehenden Stelle, Liber divinorum operum, III, Vision 8, Kap. 14. | Der Mensch spiegelt die göttliche Ordnung durch Vorausdenken. Verantwortliches Handeln beginnt mit innerer Prüfung und Entwurf. | Wortlaut sicher identifiziert |
| 13 | Deus namque ordinat, homo autem cogitat, angelus vero scientiam habet. | „Denn Gott ordnet, der Mensch aber denkt, der Engel hingegen besitzt Erkenntnis.“ | Liber divinorum operum, III, Vision 8, Kap. 14; PL 197, col. 997D–998A. | Prägnante Unterscheidung der Rollen: Gott begründet die Ordnung; der Mensch nimmt sie denkend auf und setzt sie handelnd um. | Wortlaut sicher identifiziert |
| 14 | Quemadmodum etiam sapientia ordinavit, spiritus in homine vivit et vigilat. | „Wie es die Weisheit geordnet hat, lebt und wacht der Geist im Menschen.“ | Liber divinorum operum, III, Vision 8, Kap. 14; PL 197, col. 996D. | Die Ordnung des Menschen ist lebendig und bewusst. Geist, Wachheit und Denken gehören zu seiner bestimmungsgemäßen Verfassung. | Wortlaut sicher identifiziert |
| 15 | Et sic etiam Deus firmamentum constituit, et firmitatem ipsius cum flatibus duodecim ventorum, et duodecim signis currentium mensium composuit. | „So setzte Gott auch das Firmament ein und fügte seine Festigkeit mit den zwölf Windströmungen und den zwölf Zeichen der laufenden Monate zusammen.“ | Liber divinorum operum, III, Vision 6; PL 197, col. 976D–977A. | Kosmische Ordnung zeigt sich als gegliedertes Zusammenspiel von Kräften, Zeiten und Bewegungen. | Wortlaut sicher identifiziert |
| 16 | Ipse enim justus est, et injustitiam omnino conterit, quia coelum et terra super eum fundata sunt. | „Denn er ist gerecht und zerschlägt jede Ungerechtigkeit, weil Himmel und Erde auf ihm gegründet sind.“ | Liber divinorum operum, III, Vision 6, Kap. 2; PL 197, col. 956D–957A. | Ordnungsverlust ist bei Hildegard stets auch ein ethisches Problem. Gerechtigkeit trägt die Welt; Ungerechtigkeit wirkt zerstörerisch. | Wortlaut sicher identifiziert |
Vorläufige begriffliche Bilanz
- Ursprung: Ordo und ordinatio gründen in der göttlichen sapientia, nicht in bloßer Macht oder Willkür.
- Maß: Weisheit misst die Kräfte so, dass keine das Ganze überwältigt oder gegen die anderen arbeitet.
- Zusammenhang: Ordnung bezeichnet das Zusammenspiel unterschiedlicher Elemente, Bewegungen, Zeiten und Aufgaben.
- Lebendige Ordnung: Hildegards Ordnung ist dynamisch. Sie entfaltet sich, wirkt, bewegt und erhält die Schöpfung.
- Menschliche Verantwortung: Der Mensch ist zum Vorausdenken befähigt. Er soll sein Handeln innerlich prüfen und es in verantwortlicher Weise ausführen.
- Ethische Dimension: Gerechtigkeit stabilisiert die Ordnung; Maßlosigkeit und Ungerechtigkeit bringen Kräfte gegeneinander auf und führen zum Zerfall.
- Moderne systemische Übersetzung: Ein lebendiges System bleibt bestehen, wenn seine Kräfte in wechselseitiger Begrenzung, Rückkopplung und stimmiger Beziehung zusammenwirken. Ordnung ist dabei kein unbeweglicher Zustand, sondern fortlaufende Regulation.
Verwendete Textgrundlagen
- Hildegardis Bingensis, Liber divinorum operum, hrsg. von Albert Derolez und Peter Dronke, Corpus Christianorum Continuatio Mediaevalis 92, Turnhout 1996.
- Jacques-Paul Migne (Hrsg.), Sanctae Hildegardis Abbatissae Opera omnia, Patrologia Latina 197, Paris 1855, besonders Sp. 955–998.
- Die Kapitel- und Visionszuordnung folgt der Werkgliederung; Spaltenangaben beziehen sich auf die Ausgabe in PL 197. Vor einer wissenschaftlichen Druckverwendung sollte die Interpunktion nochmals gegen CCCM 92 kontrolliert werden.