Hildegard von Bingen: Kosmos, Himmel, Welt und Schöpfungsordnung
Quellenkritische Arbeitsfassung mit lateinischen Originaltexten, eigenen Übersetzungen, Fundstellen und einer Einordnung von Welt, Himmel, Firmament, Elementen, Kreis, Rad, Harmonie und umfassender Schöpfungsordnung.
Wichtige begriffliche Einschränkung: Hildegard verwendet nicht den modernen naturwissenschaftlichen Begriff „Kosmos“. Ihre bevorzugten Wörter sind mundus, caelum, terra, firmamentum, elementa, creatura, rota, circulus, institutio, mensura, sapientia und harmonia. „Die harmonische Ordnung des Kosmos“ ist deshalb eine treffende moderne Zusammenfassung, aber kein nachgewiesenes wörtliches Hildegard-Zitat.
Zentrales Ergebnis: Hildegard beschreibt die Welt tatsächlich als gegliederte, maßvolle und miteinander verbundene Ganzheit. Besonders stark sind ihre Formulierungen vom rechten Maß der Elemente, von Himmel und Erde, die ihrer Bestimmung folgen, von der Weisheit, die alles kreisend umfasst, und vom Menschen, der Himmel und Erde in sich trägt.
In Bezug auf "Kosmos": „Hic autem in rota circuitio et recta mensura eorundem elementorum tantum ostenditur.“ – „Hier aber werden im Rad der Umlauf und das rechte Maß der Elemente gezeigt.“ Diese Originalstelle kommt der Formulierung „harmonische Ordnung des Kosmos“ besonders nahe.
| Nr. | Lateinischer Originaltext | Eigene Übersetzung | Werk und Fundstelle | Bedeutung für Welt- und Schöpfungsordnung | Status |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Homo enim caelum et terram atque alias facturas in se habet et forma una est, et in ipso omnia latent. | „Denn der Mensch trägt Himmel und Erde und die übrigen Geschöpfe in sich; er ist eine einzige Gestalt, und in ihm liegt alles verborgen.“ | Causae et Curae, Buch I; ed. Moulinier/Berndt, S. 21, Z. 10–11. | Der Mensch erscheint als verdichtete Gestalt der Schöpfung. Himmel, Erde und andere Geschöpfe stehen nicht außerhalb von ihm, sondern spiegeln sich in seiner leiblich-geistigen Einheit. | Wortlaut und Fundstelle sicher belegt |
| 2 | Homo similitudinem caeli et terrae continet in se. | „Der Mensch enthält in sich die Ähnlichkeit von Himmel und Erde.“ | Scivias II,1,2; CCCM 43, S. 113. | Eine besonders knappe Formulierung des Mikrokosmosgedankens: Der Mensch verbindet die himmlische und die irdische Wirklichkeit. | Wortlaut in der Forschung gegen die kritische Ausgabe belegt |
| 3 | O homo, aspice hominem. | „O Mensch, betrachte den Menschen.“ | Causae et Curae, Buch I, unmittelbar vor dem Mikrokosmos-Satz. | Die kosmologische Betrachtung beginnt nicht bei einem abstrakten Weltall, sondern beim Menschen als lesbarer Gestalt der Schöpfung. | Wortlaut sicher belegt |
| 4 | Sed nunc, o homo, caelum et terram vis perscrutari et iustitiam eorum in constitutione Dei diiudicare. | „Nun aber, o Mensch, willst du Himmel und Erde erforschen und ihre rechte Ordnung in Gottes Einrichtung beurteilen.“ | Scivias I,1,7. | Hildegard kennt ausdrücklich das menschliche Verlangen, Himmel und Erde zu erforschen. Zugleich warnt sie vor einer Erkenntnis, die ihre eigenen Grenzen vergisst. | Text der kritischen Scivias-Ausgabe sicher identifiziert |
| 5 | Et ecce obscurus aer et rotundus multaeque magnitudinis repente exortus est. | „Und siehe, plötzlich entstand eine dunkle, runde Luftmasse von gewaltiger Größe.“ | Scivias II,1,1. | Die erschaffene Welt erscheint als runde, umfassende Gestalt. Rotundus bezeichnet hier die kosmische Form, nicht den modernen astronomischen Kosmos. | Text sicher identifiziert |
| 6 | Donec idem aer ad perfectum perductus est, ita caelum et terra resplendens plena institutione. | „Bis diese Luftgestalt zur Vollendung geführt war und so als Himmel und Erde erstrahlte, erfüllt von geordneter Einrichtung.“ | Scivias II,1,1. | Plena institutione ist einer der stärksten Belege für eine von Anfang an geordnete Welt: Himmel und Erde erscheinen nicht chaotisch, sondern eingerichtet und gegliedert. | Text sicher identifiziert; Übersetzung bewusst nah am Wortlaut |
| 7 | Velut firmamentum caeli inferiora continet et superiora tegit. | „Wie das Himmelsgewölbe das Untere zusammenhält und das Obere bedeckt.“ | Scivias I,4,16. | Das Firmament wird als haltende und verbindende Struktur gedacht. Kosmische Ordnung bedeutet bei Hildegard Zusammenhalten, Begrenzen und Schützen. | Text sicher identifiziert |
| 8 | Caelum et terra haec evertere non possunt, quoniam caelum et terra ad aliud non tendunt quam ad id ad quod posita sunt. | „Himmel und Erde können dies nicht umstürzen, denn Himmel und Erde streben nach nichts anderem als nach dem, wozu sie eingesetzt sind.“ | Scivias III,5,413. | Ein außerordentlich klarer Ordnungsbeleg: Himmel und Erde folgen ihrer Bestimmung. Ihre Bewegung besitzt Richtung, Maß und Ziel. | Wortlaut durch wissenschaftliche Zitierung der kritischen Ausgabe belegt |
| 9 | Universum in figura ovi. | „Das All in der Gestalt eines Eies.“ | Scivias I,3, Vision des Weltgebäudes; zusammenfassende Kapitelbezeichnung der Überlieferung. | Die bekannte Weltei-Darstellung beschreibt die Gesamtheit der Welt als gegliederte, umschlossene und organisch wirkende Einheit. | Als traditionelle Kurzbezeichnung der Vision belegt; nicht als vollständiger Aussagesatz behandeln |
| 10 | Distinctio elementorum in eadem similitudine solummodo significatur. | „In diesem Gleichnis wird allein die Unterscheidung der Elemente bezeichnet.“ | Liber divinorum operum I,2,3, Rückblick auf die Weltei-Vision des Scivias. | Hildegard erklärt selbst, dass die Eiform die Gliederung der Elemente veranschaulicht. Das Bild ist symbolische Erkenntnishilfe, keine naturgetreue astronomische Abbildung. | Text im Scivias-Apparat mit LDO-Fundstelle überliefert |
| 11 | Hic autem in rota circuitio et recta mensura eorundem elementorum tantum ostenditur. | „Hier aber werden im Rad allein der Umlauf und das rechte Maß derselben Elemente gezeigt.“ | Liber divinorum operum I,2,3. | Dies ist vermutlich der stärkste Originalbeleg für deine Formulierung von einer geordneten Kosmologie: circuitio bezeichnet Umlauf, recta mensura das rechte Maß der Elemente. | Wortlaut und Werkstelle sicher belegt |
| 12 | Cum neutrum ipsorum similitudinem figurae mundi per omnia teneat. | „Da keines von beiden die Gestalt der Welt in jeder Hinsicht vollständig wiedergibt.“ | Liber divinorum operum I,2,3; über Ei- und Radgestalt. | Hildegard reflektiert die Grenzen ihrer eigenen Weltbilder. Ei und Rad sind Modelle, die jeweils bestimmte Ordnungsaspekte zeigen, nicht die Welt vollständig abbilden. | Text sicher belegt |
| 13 | O nobilissima viriditas, quae radicas in sole et quae in candida serenitate luces in rota. | „O edelste Grünkraft, die du in der Sonne wurzelst und in leuchtender Klarheit im Rad erstrahlst.“ | Symphonia, Responsorium O nobilissima viriditas. | Das Rad wird hier zum Bild einer himmlisch-göttlichen Ganzheit. Licht, Sonne, Kreisbewegung und Lebenskraft gehören zusammen. | Text und Werkstelle sicher identifiziert |
| 14 | O virtus Sapientiae, quae circuiens circuisti, comprehendendo omnia in una via quae habet vitam. | „O Kraft der Weisheit, die du kreisend umkreist hast und alles auf einem einzigen Weg umfasst, der Leben besitzt.“ | Symphonia, Antiphon O virtus Sapientiae. | Dieser Satz kommt der Vorstellung einer harmonischen kosmischen Ordnung besonders nahe: Weisheit umkreist, umfasst und verbindet alles in einem lebendigen Weg. | Text des Gesangs sicher belegt |
| 15 | Tres alas habens, quarum una in altum volat et altera de terra sudat et tertia undique volat. | „Du hast drei Flügel: Einer fliegt in die Höhe, einer schwitzt aus der Erde hervor, und der dritte fliegt überall umher.“ | Fortsetzung von O virtus Sapientiae. | Himmel, Erde und allumfassende Bewegung werden in einem einzigen Bild verbunden. Weisheit wirkt oben, unten und ringsum. | Text des Gesangs sicher belegt |
| 16 | Et ignis flammam habet et Deo laus est, et ventus flammam movet et Deo laus est. | „Das Feuer hat eine Flamme und ist Lob Gottes; der Wind bewegt die Flamme und ist Lob Gottes.“ | Epistolae, Brief 77. | Die Elemente bilden keine stumme Materie. In ihrem Wirken und Zusammenwirken werden sie als Lob Gottes verstanden. | Wortlaut durch Edition und Forschung belegt |
| 17 | Atque in voce verbum est et Deo laus est, atque verbum auditur et Deo laus est. | „In der Stimme ist das Wort, und es ist Lob Gottes; das Wort wird gehört, und es ist Lob Gottes.“ | Epistolae, Brief 77. | Kosmische und menschliche Klangordnung gehen ineinander über: Stimme, Wort und Hören stehen in einem geordneten Wirkungszusammenhang. | Wortlaut sicher belegt |
| 18 | Quapropter et omnis creatura laus Dei est. | „Daher ist auch die gesamte Schöpfung Lob Gottes.“ | Epistolae, Brief 77. | Eine der stärksten Ganzheitsformeln Hildegards: Nicht nur einzelne Wesen, sondern omnis creatura, die gesamte Schöpfung, besitzt eine gemeinsame Ausrichtung. | Wortlaut sicher belegt |
| 19 | Symphonia harmoniae caelestium revelationum. | „Symphonie der Harmonie der himmlischen Offenbarungen.“ | Titel der Sammlung von Hildegards geistlichen Gesängen. | Hier verwendet die Überlieferung ausdrücklich harmonia und caelestium. Der Titel belegt eine Vorstellung himmlischer Harmonie, ist aber keine naturwissenschaftliche Aussage über das Weltall. | Authentischer Werktitel in der maßgeblichen Überlieferung |
| 20 | Homo caelestis et terrestris est. | „Der Mensch ist himmlisch und irdisch.“ | Epistolae, Briefüberlieferung Hildegards. | Der Mensch gehört zugleich zur himmlischen und zur irdischen Ordnung. Er ist das verbindende Wesen zwischen beiden Bereichen. | Wortlaut in der Briefüberlieferung belegt |
Vorläufige begriffliche Bilanz
- Kein moderner Kosmosbegriff: Hildegard schreibt nicht über das Weltall im heutigen astrophysikalischen Sinn. Sie beschreibt die geschaffene Welt als sichtbare und geistige Ganzheit.
- Geordnete Einrichtung: Himmel und Erde erscheinen als plena institutione – als vollständig eingerichtete und gegliederte Schöpfung.
- Umlauf und Maß: Das Weltenrad zeigt circuitio und recta mensura, also Umlauf, Verhältnis und rechtes Maß der Elemente.
- Weisheit als verbindende Kraft: Die Sapientia umkreist und umfasst alles auf einem Lebensweg. Damit verbindet Hildegard Ordnung, Bewegung und Lebendigkeit.
- Harmonie: Harmonia ist bei Hildegard vor allem himmlisch, musikalisch und offenbarungstheologisch. Sie darf auf die Weltordnung bezogen werden, sollte aber nicht vorschnell als pythagoreische „Sphärenharmonie“ ausgegeben werden.
- Mensch als Mikrokosmos: Der Mensch trägt Himmel, Erde und die übrigen Geschöpfe in sich. Er steht der Welt nicht äußerlich gegenüber, sondern ist in ihre Ordnung eingefügt.
- Bestimmung statt Mechanik: Himmel und Erde folgen dem, wozu sie gesetzt sind. Hildegards Welt ist daher eher organisch, zielgerichtet und beziehungsförmig als mechanisch.
- Systemische Übersetzung: Die Schöpfung ist ein dynamisches Gefüge gegenseitiger Abhängigkeiten. Stabilität entsteht durch Maß, begrenzte Kreisläufe, Verbindung der Ebenen und die Ausrichtung jedes Teils auf seine Aufgabe im Ganzen.
Einordnung
- Quellennah: „Hildegard beschreibt die Welt als ein Gefüge von Umlauf und rechtem Maß der Elemente.“
- Zusammenfassend: „In Hildegards Denken erscheint die Schöpfung als eine lebendige, von Weisheit durchwaltete Ordnung.“
- Prägnant: „Der Mensch steht bei Hildegard nicht außerhalb des Kosmos: Er trägt Himmel und Erde in sich.“
- Mit Kennzeichnung als Deutung: „Man kann Hildegards Weltbild als Vision einer harmonischen Ordnung des Kosmos verstehen – auch wenn dies nicht ihr eigener Wortlaut ist.“
Verwendete Textgrundlagen
- Hildegard von Bingen, Scivias, kritische Edition von Adelgundis Führkötter und Angela Carlevaris, CCCM 43–43A.
- Hildegard von Bingen, Liber divinorum operum, kritische Edition von Albert Derolez und Peter Dronke, CCCM 92.
- Hildegard von Bingen, Causae et Curae, Edition Laurence Moulinier, revidiert von Rainer Berndt; zusätzlich ältere Ausgabe Paul Kaiser.
- Hildegard von Bingen, Epistolarium, kritische Edition Lieven van Acker und Monika Klaes.
- Hildegard von Bingen, Symphonia armonie celestium revelationum, kritische Edition in den Opera minora.
- Die deutschen Fassungen sind eigene Arbeitsübersetzungen. Vor einer wissenschaftlichen Druckveröffentlichung sollten Interpunktion und Zeilenzählung abschließend gegen die jeweils benutzte kritische Ausgabe kontrolliert werden.