Hildegard von Bingen: Alter, Altern und hohes Lebensalter

Quellenkritische Arbeitsfassung mit 32 authentischen Belegstellen aus Causae et Curae. Die Tabelle erschließt Hildegards Aussagen zu Lebensstufen, Menopause, körperlichem Substanzverlust, Hautalterung, Ernährung, Sexualkraft, Charakterreife und altersabhängiger Behandlung.

Korrektur gegenüber der vorläufigen Antwort: Die zuvor formulierten Kurzsätze wie „Senectus frigida est …“, „Viriditas paulatim deficit“ oder „Sapientia cum aetate crescere potest“ dürfen nicht als wörtliche Hildegard-Zitate verwendet werden. Sie waren Zusammenfassungen ohne gesicherte Fundstelle. In dieser Tabelle stehen nur Textpassagen, die in der Kaiser-Ausgabe tatsächlich nachweisbar sind.
Medizinhistorischer Hinweis: Diese Texte dokumentieren Medizin und Anthropologie des 12. Jahrhunderts. Mondmedizin, Humoralpathologie und routinemäßiger Aderlass sind keine heutigen Diagnose- oder Therapieempfehlungen. Blutungen nach der Menopause, unbeabsichtigter Gewichtsverlust, Austrocknung und zunehmende Schwäche müssen heute medizinisch abgeklärt werden.

Textgrundlage: Paul Kaiser (Hg.), Hildegardis Causae et Curae, Leipzig: B. G. Teubner 1903. Die lateinischen Texte wurden anhand des digitalisierten Drucktextes kontrolliert und offensichtliche OCR-Verwechslungen wie y/v, n/u oder fehlerhafte Worttrennungen normalisiert. Neuere kritische Edition: Laurence Moulinier, Beate Hildegardis Cause et cure, Berlin 2003. Die deutschen Übersetzungen sind neu und möglichst nah am Wortlaut.

Alter und Altern – Originaltext, Übersetzung und medizinisch-historische Einordnung
Nr.ThemaLateinischer OriginaltextNeue deutsche Übersetzung Werk und FundstelleHistorische EinordnungHeutige medizinische BewertungStatus
1 Lebensalter – Blutdynamik bis 50 In incremento ergo lunae sanguis tam in femina quam in masculo augetur et in detrimento lunae tam in femina quam in masculo minuitur usque ad quinquagesimum aetatis suae annum. Beim Zunehmen des Mondes nimmt nach dieser Vorstellung das Blut sowohl bei der Frau als auch beim Mann zu, beim Abnehmen vermindert es sich – bis zum fünfzigsten Lebensjahr. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 78, Z. 3–8 Das fünfzigste Lebensjahr erscheint als physiologische Schwelle. Die Mondabhängigkeit gehört zum vormodernen Naturmodell. Die behauptete Mondabhängigkeit des Blutvolumens ist medizinisch nicht belegt. Text in Kaiser-Ausgabe sicher; Erklärung historisch überholt
2 Nach dem 50. Lebensjahr Post quinquagesimum vero annum sanguis in homine secundum cursum lunae iam nec augetur nec minuitur tanta fortitudine et velocitate, ut prius fecit. Nach dem fünfzigsten Lebensjahr nimmt das Blut im Menschen nach dem Lauf des Mondes nicht mehr mit derselben Kraft und Geschwindigkeit zu und ab wie zuvor. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 78, Z. 14–18 Alter wird als nachlassende Dynamik körperlicher Prozesse beschrieben. Die Beobachtung nachlassender körperlicher Regulationsreserven ist allgemein plausibel; die Mondbegründung nicht. Text sicher; Deutung teilweise beobachtungsnah
3 Körperfülle zwischen 50 und 80 Sed usque ad octogesimum annum carnem in illo aliquantulum plus incrassari facit quam antea solita fuisset, quia idem sanguis in eo iam et augeri et minui cessat. Bis zum achtzigsten Lebensjahr lässt dies sein Fleisch etwas stärker zunehmen als zuvor, weil dieses Blut nun aufhört, zu- und abzunehmen. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 78, Z. 17–21 Hildegard verbindet das mittlere und höhere Alter mit einer möglichen Zunahme der Körperfülle. Gewichtszunahme kann im Alter vorkommen, ist aber nicht zwangsläufig und nicht durch eine ausbleibende Blutbewegung erklärbar. Text sicher; physiologische Erklärung falsch
4 Alter ab 80 – Gewebeverlust Post octogesimum annum tam caro quam sanguis masculi in eo defluunt. Nach dem achtzigsten Lebensjahr schwinden beim Mann sowohl Fleisch als auch Blut. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 78, Z. 20–24 Sehr knappe Beschreibung von Substanz- und Kraftverlust im hohen Alter. Sarkopenie, Gewichtsverlust und geringere Blutreserven können im hohen Alter auftreten; die pauschale Altersgrenze ist schematisch. Text sicher; Beobachtung teilweise plausibel
5 Hautalterung Et cutis contrahitur et rugae oriuntur, cum in iuventute cutis eius plana et extenta fuit, quia carne et sanguine plena erat. Und die Haut zieht sich zusammen, und Falten entstehen, während seine Haut in der Jugend glatt und gespannt war, weil sie mit Fleisch und Blut gefüllt war. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 78, Z. 21–25 Konkrete sichtbare Altersbeobachtung: dünneres Gewebe und Faltenbildung. Hautalterung beruht unter anderem auf Veränderungen von Kollagen, Elastin, Unterhautfett und Feuchtigkeit; die Beobachtung ist zutreffend, die Erklärung vereinfacht. Text und klinische Beobachtung sicher
6 Kraftverlust im hohen Alter Et quoniam post octogesimum annum caro et sanguis in masculo defluunt, ipse debilis efficitur. Und weil nach dem achtzigsten Lebensjahr Fleisch und Blut beim Mann schwinden, wird er schwach. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 78, Z. 24–27 Körperliche Schwäche wird als Folge des Substanzverlustes verstanden. Der Zusammenhang von Muskelverlust, Gewichtsverlust und Gebrechlichkeit ist grundsätzlich richtig; die starre Altersgrenze nicht. Text sicher; Beobachtung plausibel
7 Ernährung im hohen Alter Unde cibo et potu velut puer semper bis indigens reficiendus est, ut, quod tunc carne et sanguine minus habet, esca et potu suppleatur. Daher soll er, wie ein Kind stets auf beides angewiesen, mit Speise und Trank gestärkt werden, damit durch Nahrung und Getränk ergänzt wird, was ihm dann an Fleisch und Blut fehlt. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 78, Z. 25–30 Alte Menschen erscheinen als besonders ernährungs- und fürsorgebedürftig. Ausreichende Energie-, Eiweiß- und Flüssigkeitszufuhr ist im hohen Alter wichtig. Der Vergleich mit dem Kind ist vormodern-paternalistisch, enthält aber einen Fürsorgegedanken. Text sicher; fürsorgerischer Kern sinnvoll
8 Menopause nach 50 Sed in mulieribus post quinquagesimum annum menstrua deficiunt. Bei Frauen hört nach dem fünfzigsten Lebensjahr die Menstruation auf. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 78, Z. 29–31 Klare Beobachtung des durchschnittlichen Zeitraums der Menopause. Das durchschnittliche Menopausenalter liegt tatsächlich ungefähr um 50 Jahre, mit erheblicher individueller Streuung. Text und Beobachtung sicher
9 Späte Menstruation Exceptis illis, quae tantae sospitatis et fortitudinis sunt, quod in eis menstrua usque ad septuagesimum annum protrahuntur. Ausgenommen seien jene, die von so großer Gesundheit und Kraft sind, dass sich bei ihnen die Menstruation bis zum siebzigsten Lebensjahr hinzieht. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 78, Z. 29–34 Hildegard rechnet mit extrem später Menstruation und deutet sie als Zeichen besonderer Kraft. Regelmäßige Menstruation bis 70 wäre außergewöhnlich; Blutungen in diesem Alter sind abklärungsbedürftig und kein Gesundheitszeichen. Text sicher; medizinische Wertung gefährlich
10 Körperfülle nach der Menopause Et deinde sanguine, velut prius fecit, amplius non profluente caro earum incrassatur usque ad septuagesimum annum, quoniam tunc per menstrua non attenuatur. Und weil das Blut danach nicht mehr wie zuvor ausfließt, nimmt ihr Körper bis zum siebzigsten Lebensjahr an Fülle zu, da er nicht mehr durch die Menstruation vermindert wird. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 78, Z. 32–35 Gewichtszunahme nach der Menopause wird mit ausbleibendem Blutverlust erklärt. Körperzusammensetzung und Stoffwechsel können sich nach der Menopause ändern; die Erklärung durch zurückgehaltenes Menstrualblut ist falsch. Text sicher; Erklärung überholt
11 Alterung der Frau nach 70 Post septuagesimum vero annum caro et sanguis in eis iam defluunt, et cutis earum contrahitur et rugae surgunt ac debiles fiunt. Nach dem siebzigsten Lebensjahr schwinden bei ihnen Fleisch und Blut; ihre Haut zieht sich zusammen, Falten entstehen, und sie werden schwach. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 78–79, Z. 34–2 Parallele Beschreibung weiblicher Altersveränderungen, jedoch mit früherer Schwelle als beim Mann. Hautalterung, Muskelabbau und Gebrechlichkeit sind reale Phänomene; die geschlechtsspezifische starre Datierung ist unbegründet. Text sicher; Beobachtung teilweise plausibel
12 Häufigere Stärkung alter Frauen Cibo et potu ut puer saepius refocillandae, quia carne et sanguine tunc evacuantur. Sie sollen durch Speise und Trank wie ein Kind häufiger gestärkt werden, weil sie dann an Fleisch und Blut verlieren. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 78–79 Ernährung und wiederholte Stärkung werden als zentrale Altersfürsorge verstanden. Kleine, häufige, nährstoffreiche Mahlzeiten können bei Gebrechlichkeit sinnvoll sein; individuell muss medizinisch beurteilt werden. Text sicher; praktischer Kern vertretbar
13 Miseria senectutis Haec miseria senectutis usque ad octogesimum annum in masculis protrahatur. Dieses Elend des Alters zieht sich bei Männern bis zum achtzigsten Lebensjahr hin. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 79, Z. 1–4 Das Alter wird hier ausdrücklich als senectus und körperliche Notlage bezeichnet, nicht romantisiert. Altern ist nicht notwendig „Elend“; schwere Gebrechlichkeit kann jedoch belastend sein. Die Formulierung spiegelt die damalige Lebenswelt. Text sicher; wertende historische Sprache
14 Baumvergleich des weiblichen Lebenslaufs Quemadmodum autem iuvenis arbor viriditatem quidem habet, sed flore fructuum adhuc caret … sed tandem … viriditas eius contrahitur … sic etiam in femina erit. Wie ein junger Baum zwar Grünkraft besitzt, aber noch ohne Blüte und Frucht ist … und schließlich seine Grünkraft sich zusammenzieht … so wird es auch bei der Frau sein. Causae et Curae II, De fecunditate; Kaiser 1903, S. 105, Z. 23–31 Der weibliche Lebenslauf wird als Wachstum, Fruchtphase und Rückgang der viriditas dargestellt. Eine biologische Lebensphasen-Metapher, keine präzise Physiologie. Sie reduziert weibliches Altern stark auf Fruchtbarkeit. Text sicher; metaphorisch
15 Abnahme der reproduktiven viriditas Sed in plena et perfecta aetate sanguis eius minuitur, ita quod etiam viriditas floriditatis sanguinis ipsius evanescit. Im vollen und vollendeten Alter vermindert sich ihr Blut, sodass auch die Grünkraft der Blühfähigkeit ihres Blutes schwindet. Causae et Curae II, De fecunditate; Kaiser 1903, S. 105, Z. 31–35 Viriditas bezeichnet hier ausdrücklich reproduktive Kraft und nimmt mit dem Alter ab. Die Fruchtbarkeit nimmt mit dem Alter ab; das Konzept der Blut-viriditas ist metaphorisch-humoralpathologisch. Text sicher; biologische Grundbeobachtung richtig
16 Gewebeveränderung mit dem Alter Et caro eius contrahitur et durior et tenacior erit, sed tamen debilior, quam prius fuisset. Und ihr Fleisch zieht sich zusammen und wird härter und zäher, zugleich aber schwächer als zuvor. Causae et Curae II, De fecunditate; Kaiser 1903, S. 105, Z. 34–36 Konkrete Beschreibung gleichzeitiger Verhärtung und Schwächung des alternden Gewebes. Alterndes Bindegewebe kann steifer werden, während Muskelkraft abnimmt. Die Beobachtung ist bemerkenswert, aber unspezifisch. Text sicher; beobachtungsnah
17 Menopause 50–60 A quinquagesimo anno aut aliquando in quibusdam feminis a sexagesimo menstrua cessant. Vom fünfzigsten Lebensjahr an, bei manchen Frauen auch erst vom sechzigsten, hört die Menstruation auf. Causae et Curae II, De menstrui defectu; Kaiser 1903, S. 106, Z. 18–30 Erfasst individuelle Streuung des Menopausenalters. Menopause um 50 ist typisch; 60 ist spät, aber möglich. Blutungen danach müssen abgeklärt werden. Text und Grundbeobachtung sicher
18 Gebärmutter im Alter Et matrix implicari et contrahi incipit, ita quod amplius prolem concipere non possunt. Und die Gebärmutter beginnt sich einzufalten und zusammenzuziehen, sodass sie keine Nachkommen mehr empfangen können. Causae et Curae II, De menstrui defectu; Kaiser 1903, S. 106, Z. 28–32 Menopause und Unfruchtbarkeit werden mit einer anatomischen Rückbildung der Gebärmutter verbunden. Nach der Menopause treten atrophische Veränderungen auf; Unfruchtbarkeit beruht primär auf dem Erlöschen der Ovarialfunktion, nicht bloß auf Uterusverengung. Text sicher; Beobachtung teilweise richtig
19 Alter als Tagesende Ab octogesimo vero anno femina a viribus suis ad defectum inclinatur velut dies, qui ad occasum tendit. Vom achtzigsten Lebensjahr an neigt sich die Frau mit ihren Kräften dem Verfall zu wie der Tag, der dem Sonnenuntergang entgegengeht. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 106, Z. 34–36 Poetisch-prägnantes Altersbild: das hohe Alter als Abend des Lebens. Metaphorische, keine medizinische Aussage. Der Kraftverlust ist individuell sehr unterschiedlich. Text sicher; besonders zitierfähig
20 Aderlass eher für Alte Sed minutio in venis magis senibus congruit quam iuvenibus. Der Aderlass passt eher für alte Menschen als für junge. Causae et Curae II, De minutionis diversitate; Kaiser 1903, S. 120, Z. 28–31 Therapie wird ausdrücklich dem Lebensalter angepasst. Aderlass ist heute nur bei wenigen klaren Indikationen medizinisch sinnvoll; als allgemeine Altersbehandlung gefährlich. Text sicher; Therapie überholt
21 Begründung des Aderlasses im Alter Quoniam sanguis in venis senum plus tabe permixtus est quam sanguis in venis iuvenum. Denn das Blut in den Adern alter Menschen sei stärker mit krankhafter Verderbnis vermischt als das Blut junger Menschen. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 120, Z. 29–32 Humoralpathologische Vorstellung einer zunehmenden Belastung des Blutes im Alter. Für eine allgemeine „Verderbnis“ des Blutes im Alter gibt es keine Grundlage. Text sicher; Erklärung falsch
22 Nach 50 weniger Aderlass Post quinquagesimum vero annum, quo iam sanguis et flegma in masculo incipiunt decrescere et corpus eius arescere, semel in anno venam incidat et medietatem mensurae illius … minuat. Nach dem fünfzigsten Lebensjahr, wenn Blut und Phlegma beim Mann abzunehmen beginnen und sein Körper trockener wird, soll er nur einmal jährlich zur Ader lassen und nur die Hälfte der früheren Menge entnehmen. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 121, Z. 4–10 Alter wird mit Abnahme von Säften und Austrocknung verbunden; die Behandlung soll schwächer dosiert werden. Die Dosisanpassung an geringere Reserven ist als Prinzip vernünftig; routinemäßiger Aderlass ist es nicht. Text sicher; therapeutische Vorsicht bemerkenswert
23 Austrocknung des Körpers Sanguis et flegma in masculo incipiunt decrescere et corpus eius arescere. Blut und Phlegma beginnen beim Mann abzunehmen, und sein Körper wird trocken. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 121, Z. 4–7 Klassische humoralpathologische Altersdefinition: weniger Flüssigkeit, mehr Trockenheit. Ältere Menschen haben geringeren Körperwasseranteil und erhöhtes Dehydratationsrisiko; die Humoraltheorie bleibt dennoch falsch. Text sicher; Beobachtung mit modernem Anknüpfungspunkt
24 Aderlass nach 80 schädlich Postea vero nulla incisio venae illi prodest, sed magis eum laedet. Danach aber nützt ihm kein Aderlass mehr, sondern schadet ihm vielmehr. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 121, Z. 9–12 Klare Warnung vor belastender Behandlung im sehr hohen Alter. Der Schutz gebrechlicher älterer Menschen vor Blutverlust ist medizinisch sinnvoll. Text sicher; Warnung nachvollziehbar
25 Verlust des viror sanguinis Quia iam viror sanguinis in eo abit. Denn die Kraft beziehungsweise Frische des Blutes ist in ihm bereits vergangen. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 121, Z. 10–13 Viror bezeichnet hier Kraft oder Frische des Blutes; es ist nicht identisch mit viriditas, aber semantisch verwandt. Kein moderner Fachbegriff; verweist auf die angenommene abnehmende körperliche Reserve. Text sicher; Begriff erklärungsbedürftig
26 Nach 80 versagen die Adern Post octoginta annos venae masculi iam deficiunt et minutio sanguinis ei non valet. Nach achtzig Jahren lassen die Adern des Mannes bereits nach, und ein Aderlass nützt ihm nicht. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 121, Z. 14–17 Das hohe Alter wird als Zustand verminderter Gefäß- und Blutreserve gesehen. Gefäße altern, doch „Versagen“ ist zu pauschal. Die Folgerung, Blutverlust zu vermeiden, ist sinnvoll. Text sicher; pauschalisierende Anatomie
27 Reife mit 50 – Mann A quinquagesimo autem anno pueriles et instabiles mores homo deserit et stabiles mores apprehendit. Vom fünfzigsten Lebensjahr an legt der Mensch kindliche und unstete Verhaltensweisen ab und nimmt beständige Verhaltensweisen an. Causae et Curae II, De coniugii tempore in masculo; Kaiser 1903, S. 139, Z. 1–4 Alter wird nicht nur als Verfall, sondern auch als sittliche und charakterliche Stabilisierung verstanden. Keine medizinische Gesetzmäßigkeit; als kulturelle Vorstellung von Reife interessant. Text sicher; anthropologische Aussage
28 Sexualkraft bei kräftiger Natur Si viridis et fortis naturae est, tunc calor delectationis circa septuagesimum annum ab eo declinat. Wenn er von grüner und kräftiger Natur ist, nimmt die Wärme der Lust bei ihm etwa um das siebzigste Lebensjahr ab. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 139, Z. 3–6 Hildegard unterscheidet individuelle Konstitutionen und verbindet viriditas mit länger erhaltener Sexualkraft. Sexuelle Funktion verändert sich individuell; eine feste Grenze gibt es nicht. Text sicher; individuelle Differenzierung bemerkenswert
29 Sexualkraft bei schwacher Natur Si vero debilis naturae fuerit, tunc circa sexagesimum annum in illo attenuatur. Wenn er aber von schwacher Natur ist, wird sie bei ihm etwa um das sechzigste Lebensjahr schwächer. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 139, Z. 4–7 Konstitution beeinflusst nach Hildegard den Verlauf des Alterns. Gesundheitszustand beeinflusst sexuelle Funktion; das starre Altersmodell ist zu schematisch. Text sicher; Grundgedanke plausibel
30 Erlöschen der Lust mit 80 Ab octogesimo autem anno iam in eo extinguitur. Vom achtzigsten Lebensjahr an erlischt sie in ihm. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 139, Z. 6–8 Hohes Alter wird als Ende der Sexualkraft beschrieben. Sexualität kann auch im sehr hohen Alter bestehen; die Aussage ist pauschal und falsch. Text sicher; medizinisch nicht haltbar
31 Reife mit 50 – Frau Circa quinquagesimum aetatis suae annum puellares mores et gestus instabilitatis abicit et compositum ac stabilem tenorem in moribus suis deinde tenet. Um das fünfzigste Lebensjahr legt die Frau mädchenhafte Verhaltensweisen und Gesten der Unbeständigkeit ab und bewahrt fortan eine geordnete und beständige Haltung in ihrem Verhalten. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 139, Z. 24–29 Positive Altersdeutung: größere compositio und stabilitas nach der Lebensmitte. Kulturell-moralische Typisierung, keine empirische Regel. Für Hildegards Altersbild dennoch wichtig. Text sicher; anthropologisch
32 Sexualkraft der Frau Si autem humidae et viridis ac fortis naturae est, tunc circa septuagesimum annum delectatio carnis in ea attenuatur. Ist sie aber von feuchter, grüner und kräftiger Natur, so wird die Lust des Fleisches bei ihr etwa um das siebzigste Lebensjahr schwächer. Causae et Curae II; Kaiser 1903, S. 139, Z. 28–32 Auch bei Frauen wird das Altern konstitutionell differenziert; viriditas kann länger anhaltende Körperkraft bedeuten. Individuelle Unterschiede sind real, die humoralpathologische Erklärung nicht. Text sicher; konstitutionelle Differenzierung

Zentrale Ergebnisse

Quellen

Erstellt am 17. Juli 2026. Arbeitsstand: systematische Erschließung der direkt altersbezogenen Passagen in Causae et Curae. Aussagen aus Briefen, Scivias, Liber vitae meritorum und Liber divinorum operum sind hier bewusst noch nicht beigemischt, weil dort „Alter“ meist biographisch, moralisch oder heilsgeschichtlich und nicht medizinisch behandelt wird.